Hochbegabung

Heimweh – vom Umgang mit einem schweren Gefühl

Heimweh. Photo von argentinischer Berglandschaft. ©Johanna Ringe 2019 www.dein-buntes-leben.de

Es hat mich überrascht und beruhigt, festzustellen, dass viele andere hochbegabte und hochsensible Menschen mir im Bezug auf Heimweh ähnlich sind. Schon als Kind, wenn ich bei meiner Großmutter übernachtete, war alles so lange gut, bis ich mit meiner Mutter telefonierte. Dann brachte Heimweh mich jedes Mal so durcheinander, dass ich mich letztendlich in Schlaf weinte. Ähnlich reagierte ich, wenn mein großer Bruder fort war: ich war traurig, beim Abschied, gewöhnte mich aber dann daran, dass er nicht da war. Kam dann eine Postkarte oder ein Telefonanruf, vermisste ich ihn wieder furchtbar.

Ich schien zwischen totaler Verdrängung und heller Verzweiflung umzuschalten.

Als Teenager zog ich mit meinen Eltern nach Argentinien, mein Bruder blieb in Deutschland, weil er schon studierte. Der Abschied war schwer, natürlich, vor allem auch der von den Großeltern. Gleichzeitig überdeckte aber die Aufregung über das neue Leben, den aller ersten Flug und alle anderen Veränderungen das Heimweh. Jeder Besuch aus Deutschland war wunderbar, und es machte mir Freude gegen Jahresende über Weihnachten und Neujahr nach Deutschland zu fliegen – auch allein ohne meine Eltern. Alles ging immer so lange gut, bis ich mit jemandem im jeweils anderen Land telefonierte.

Die Stimme zu hören zerriss mir förmlich das Herz, und ich brauchte einige Zeit um mich davon zu erholen.

So viel anders ist das heute gar nicht: meine Eltern leben immer noch in Argentinien, und viele Menschen finden es merkwürdig, dass wir so selten telefonieren. Aber meine Eltern wissen und ich weiß, warum das so ist, und dass viel Liebe zwischen uns ist. Sie besuchen uns auch jedes Jahr. Es ist sehr viel einfacher für mich, E-Mails zu schreiben, oder per Messenger (telegram) in Kontakt zu sein. Jemandes Worte zu lesen wühlt mich nicht so sehr auf, wie seine Stimme zu hören. Natürlich telefonieren wir manchmal, zwei oder dreimal zwischen ihren Besuchen, dann gerne auch mal ein paar Stunden, und ich weine mich danach nicht mehr in den Schlaf. Aber das Herz ist schwer, und bleibt es eine Weile.

Dieses Verhalten entspringt der hohen Emotionalität der Hochbegabten und dem Wunsch, diesen intensiven Emotionen nicht ausgeliefert zu sein, sondern die Kontrolle zu behalten.

Klassisches Thema der Hochbegabten. Aus den stundenlang von wildem Schluchzen geschüttelten Kindern werden leider oft sehr distanzierte Erwachsene. Manchmal aber auch Erwachsene mit gut funktionierenden Kontrollmechanismen, also welchen, die Emotionen nicht absolut unterdrücken, sondern sie dosieren und verarbeiten helfen. (Bei der Entwicklung dieser Mechanismen spielt die Reaktion der Umgebung auf die heftigen Gefühlsausbrüche des Kindes natürliche eine Hauptrolle.)
Dabei kann sich Heimweh selbstverständlich nicht nur auf geliebte Personen, sondern durchaus auch auf Orte beziehen… da reicht dann oft ein Photo um in emotionales Chaos zu stürzen. Oder der Duft einer Madeleine… beschränken wir uns hier und heute doch auf geliebte Menschen, der Kürze halber.

Heute habe ich einen interessanten Absatz in einem Buch* gelesen:

»Die abstrakte, philosophische Natur von Prinz Alberts Verstand kommt in seinen Briefen an Vicky besonders gut zum Ausdruck. Wenn Vicky beispielsweise schrieb, sie habe Heimweh, versicherte ihre Mutter ihr liebevoll, sie werde vermisst. Ihr Vater verfasste dagegen eine Abhandlung über das Wesen des Heimwehs. Nachdem er ihr versichert hatte, das ist ein ganz natürlicher Zustand sei, erläuterte er, es sei „ein schmerzhaftes Sehnen, das ganz unabhängig von oder auch gleichzeitig mit völliger Zufriedenheit und völligem Glücksgefühl existieren kann.“ Es sei ein Dualismus in dem das „neue ich“ sich nicht von dem „ich, dass gewesen ist“ lösen kann. „Daher der schmerzliche Kampf, ich möchte fast sagen, Krampf der Seele.“«

Diesen Absatz finde ich unter zwei Gesichtspunkten interessant.

Zuerst einmal kann ich der Beschreibung des Heimwehs durch Prinz Albert durchaus etwas abgewinnen: ich habe selbst schon gesagt, diese Zerrissenheit sei deshalb so unerträglich, weil zwei unterschiedliche Zustände meiner Person versuchen würden, gleichzeitig zu existieren. (Beispielsweise die argentinische Johanna und die deutsche Johanna.)
Zweitens drängt sich mir beim Lesen mehr und mehr der Gedanke auf, Prinz Albert sei wohl auch weit überdurchschnittlich intelligent gewesen. Die Gleichzeitigkeit seines kühlen Verstandes, seiner wohldurchdachten Pläne mit einer wohl teilweise seiner Epoche geschuldeten, aber auch seinem Charakter entsprechenden persönlichen Zurückhaltung bis hin zur verschiedentlich überlieferten Unfähigkeit, seine Gefühle angemessen auszudrücken – da sehe ich einen Mann, der um Kontrolle ringt, nicht nur über die eignen Emotionen, sondern über so viele Aspekte der Realität, wie irgend möglich.

Ich sehe einen Hochbegabten, der um die Kontrolle in seinem Leben ringt.

In einigen Gesprächen habe ich schon von anderen gehört, dass es ihnen gerade in der Kindheit ähnlich ergangen ist wie mir. Im Umgang mit meinen erwachsenen Töchtern sehe und erlebe ich ebenfalls ähnliches. Auch wenn es immer wieder so schwer ist, die Gefühle von Sehnsucht und Liebe und Entfernung auszuhalten, so bin ich doch unglaublich dankbar dafür, dass es mir möglich war, Strategien zu entwickeln, die mir immerhin erlauben, meine Gefühle zu spüren – andere Hochbegabte stehen als Erwachsene hinter einer dicken Mauer, geschüttelt von Emotionen auf die sie keinen Zugriff mehr haben… der Weg aus dieser Lage in ein Leben mit lebendigen Emotionen und zwischenmenschlicher Nähe ist lang und steinig.

Es gibt so viele verschiedene Wege für uns, mit der Intensität unseres Erlebens umzugehen!

Also, solltest Du zu den Menschen gehören, die Abschiede versuchen zu vermeiden, ungern mit weit entfernten Freunden und Verwandten telefonieren und dann doch das eine oder andere Mal von ihren Gefühlen überwältigt werden, kurz gesagt: solltest Du zu den Menschen gehören, die quasi zwischen Distanziertheit und Aufgelöstheit schwanken, so möchte ich Dir die Hand reichen und uns beiden gratulieren, dass wir einen mäandernden Weg der Lebendigkeit gefunden haben. Jetzt müssen wir das nur noch den anderen erklären… nicht wahr?

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.deP.S. Ich freue mich von Deinen Erfahrungen oder Strategien zu lesen – hinterlass doch einen Kommentar!

P.P.S. Solltest Du eine der Personen sein, die ich viel zu selten anrufe oder kontaktiere, dann verstehst Du jetzt vielleicht ein bisschen besser, weshalb. Und sei Dir versichert: Du bist mir sehr wichtig und nah!

P.P.P.S. Solltest Du eine der Personen sein, die genauso gestrickt sind, weshalb wir quasi nie Kontakt haben – High Five, Love!

*Es handelt sich um die lesenswerte Biographie „Queen Victoria – Das kühne Leben einer außergewöhnlichen Frau“ von Julia Baird, 2018, wbg THEISS (S.299, Mitte)

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