Hochsensibilität und Krankheiten: eine Person auf dem Sofa, in Decke gekuschelt mit Teetasse. Zeichnung ©2018 Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

Das hochsensible System und Krankheiten

Im Zusammenhang mit Veränderungen bin ich schon einmal darauf eingegangen: hochsensible Menschen reagieren auf ihr Leben oft psychosomatisch, d. h. sie werden krank. Selbstverständlich sind auch Hochsensible vollkommen normale Menschen, die Infekten und Unfällen genauso zum Opfer fallen wie alle anderen auch. Außerdem haben viele hochsensible Menschen Allergien und Unverträglichkeiten: das sind im Grunde nichts weiter als außergewöhnlich sensible körperliche Reaktionen. Manche Krankheiten aber entstehen dadurch, dass tieferliegende Bedürfnisse körperlich ausagiert werden, in der Regel völlig unbewusst. Das müsste nicht so sein.

Wenn der Hochsensible sich selbst genau kennt, kann er diese Fälle vermeiden.

Es gibt ein paar typische Ursachen für Krankheiten, bei allen Menschen, die Hochsensible genau durch ihre guten Antennen vermeiden könnten. Das ist einer der positiven Aspekte der Hochsensibilität, der allerdings erst als solcher erkannt und erlernt werden will.

Überarbeitung und Unterforderung sind langfristig für jeden Menschen „kränkend“ im eigentlichen Sinne: Burn-Out und Bore-Out kennt heute jeder als Diagnose. Gerade für Burnout gibt es zwei typische Wege, die Hochsensible einerseits oft einschlagen, andererseits auch mit etwas Übung rechtzeitig erkennen und so vermeiden können. Der erste lautet

„Ja, natürlich kann ich das auch noch machen.“

Wenn Du schnell und gut arbeitest, Dein Pensum flott erledigst, dann kannst Du ja auch noch dem einen oder anderen Kollegen einen Gefallen tun. Oder der Chef erkennt in Dir die verlässliche Kompetenz, und bitte Dich gezielt diverse Zusatzaufgaben zu erledigen. In beiden Fällen ist das Resultat im Endeffekt zu viel Arbeit für Dich. Wenn das mal passiert, ist es kein Problem. Aber wenn es zur Gewohnheit wird, alarmierend. Ein zu viel an Arbeit kommt aber nicht unbedingt nur von außen auf Dich zu:

„…ich mach das nur schnell fertig.“

Du hast einen Sinn für Ordnung. Du möchtest Deine Aufgaben möglichst gut erledigen. Dir sind Fehler schmerzhaft bewusst, Du siehst oft die perfekte Lösung vor Deinem inneren Auge. Perfektion ist Dein Ziel und Dein Fluch. Vollkommen ohne Druck von außen, ganz aus diesem inneren Wunsch nach Perfektion, nach Ordnung und Schönheit heraus, gelingt es Hochsensiblen oft, sich in den Burnout zu katapultieren.

„Und was mache ich jetzt?“

Wenn Du sehr gut arbeitest, Dein Pensum schnell erledigst und nicht von Kollegen und Vorgesetzten mit zusätzlichen Aufgaben auf Trab gehalten wirst, nicht einmal in einem gesunden Maß, besteht die Gefahr der Unterforderung. Ich kenne Menschen, die um eine Versetzung oder eine Erweiterung ihres Aufgabenbereichs gebeten haben, weil sie noch so viel Kapazitäten frei haben, deren Vorgesetzte es aber abgelehnt haben. Die Begründung: Du machst Deine Arbeit so gut, wir können Dich an dieser Stelle nicht entbehren. Wenn sich hier kein Umdenken oder keine kreative Lösung findet, steuert die Person zielstrebig den Bore-Out an. Damit ist weder der Abteilung noch der Person geholfen. (Hochbegabte im Beruf)

Krankheiten als Flucht vor dem eigentlichen Problem

Eine andere Variante, wie Unterforderung oder Überforderung krank machen können, ist natürlich ganz einfach: das hochbegabte Schulkind bekommt Bauchweh, um zu Hause bleiben und spannende Bücher lesen zu können, statt sich in der Schule zu langweilen. Oder das hochsensible Schulkind bekommt Migräne, um zu Hause bleiben und dem lauten Schulalltag entgehen zu können. (Gerade Migräne entsteht oft durch eine Überforderung, Überlastung des hochsensiblen Systems mit den feinen Antennen und der Verarbeitung multipler Information.)

Manchmal ist die Flucht auch die Flucht vor der Konfrontation, sei es im Arbeitsumfeld, sei es im Privaten. Die Krankheiten, die Dich vor dem Besuch der großen Feier schützen, haben ihre Ursache weniger in einem Erreger mit dem Dein Immunsystem im Normalfall spielend fertig geworden wäre, sondern vielmehr in Deiner Unlust, Dich mit bestimmten Menschen und bestimmten Themen konfrontiert zu sehen. Sich das einzugestehen kann sehr befreiend sein.

Die Angst vor der Pause

So unangenehm mir das ist, so muss ich doch zugeben, dass das Klischee „Ich kann nicht, meine Migräne!“ einen wahren Kern hat. (Siehe Blogbeitrag) Allerdings ist die Ursache im Grunde, dass ich auf die Informationen meiner hochsensiblen Antennen nicht genug achte bzw. aus Dummheit oder anderen Gründen nicht die Konsequenzen ziehe. Das heißt konkret, dass ich keine Pause mache, wenn ich eine brauche, oder nicht klar sage, wenn meine Grenzen überschritten werden o. ä. Hochsensible Menschen gehen sehr oft über ihre Grenzen und sind sehr belastbar. Da Du die Sorgen und Belastungen der anderen spürst, möchtest Du sie beseitigen, und findest das oft einfacher, als Dich und Deine eigenen Sorgen und Belastungen zu kümmern.

Langfristig ist es sinnvoll, Dich zuerst um Deine eigenen Bedürfnisse zu kümmern.

Auch hier gibt es ein paar typische Gründe, weshalb das hochsensible System dringend eine Pause braucht. Eine Pause, die oft durch Krankheiten erreicht wird, weil Du Dir nicht rechtzeitig bewusst gemacht hast, dass Du sie brauchst.

  • Ständig beschäftigt zu sein gehört heute zum guten Ton. Selbst die Freizeit will durchgetaktet, „sinnvoll gestaltet“ und möglichst gehaltvoll erlebt werden. Dieses ungeschriebene Gesetz ist schwachsinnig: Jeder Mensch braucht Pausen. Es ist allerdings schwer, sich einem gesellschaftlichen Diktat zu entziehen, erst recht für Hochsensible.
  • Manchen Überlegungen möchtest Du Dich nicht stellen. Das kann eine ungeliebte Arbeitsstelle sein, ein massives Problem mit einem Freund oder Kollegen oder das Ende Deiner Ehe – in jedem Fall ist die gedankliche Auseinandersetzung damit so schmerzhaft, dass Du Dich in Deine Arbeit flüchtest oder zumindest in permanente Aktivität. Jede Pause wäre potenziell schmerzhaft und wird vermieden.
  • Auch innere Entwicklungen sind nicht immer willkommen. Jede Veränderung des Status quo bedroht den Seelenfrieden, das gilt auch für Dein inneres Wachstum. In dem Du Dich in Geschäftigkeit, Krankheiten oder neue Abenteuer stürzt, versuchst Du das zu vermeiden.
Vielleicht bist Du auch einfach nur Käfersuppe!

Eine andere Art der Pause, die oft nur durch Krankheiten erreicht werden kann, ist nicht einfach zu erklären. Ich versuche es mal mit einem Bild: Eine Raupe frisst sich rund und verpuppt sich. Im Kokon verwandelt sie sich in Käfersuppe. Die Raupe löst sich fast komplett in Proteinketten auf und wird zum Schmetterling neu zusammengesetzt.
Jeder Entwicklungsprozess bei Menschen geht mit unterschiedlichen Auswirkungen einher, aber der Ablauf ist dennoch ähnlich. Zuerst entsprechen wir unserer Lebenssituation in allem, arbeiten, leben und lachen und nehmen dabei Informationen auf, oft ohne es zu merken. Wir „fressen uns rund“. Eine Veränderung kündigt sich unbemerkt an, das Verpuppen entspricht dem Moment, in dem uns klar wird, dass sich etwas verändern muss. Dabei wissen wir sehr oft noch gar nicht genau, was sich da ändern muss.

Dann kommt eine schwer zu ertragende Phase des „nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Seins“: die Käfersuppe.

Diese Phase macht unruhig und verunsichert, viele Menschen entwickeln hier Krankheiten, die sie zwingen, eine Pause von ihren bisherigen Aktivitäten, von ihrem bisherigen Leben zu machen. Denn sie spüren genau, dass hier einiges nicht mehr zusammenpasst. Sie haben viele Erfahrungen gemacht und Dinge gelernt, die es erforderlich machen, das große Ganze neu zu betrachten, sich selbst neu zu betrachten und zu definieren. Die Einzelteile wollen neu zusammengesetzt werden.
Entwicklung braucht Zeit. Daran kann auch der ungeduldige Vielbegabte nichts ändern, sehr zu seinem Leidwesen. Vor allem bei Kindern ist das gut zu beobachten: oft fallen Krankheiten und Entwicklungsschübe zusammen, und danach ist das Kind ein Stück größer, ein bisschen weiter, ein bisschen mehr Schmetterling.

Bist Du in der Lage, der Entwicklung ihre Zeit zu lassen?

Viele dieser Krankheiten können wir vermeiden, indem wir uns Zeit nehmen. Zeit, da zu sitzen, und nichts zu tun. Zeit, spazieren zu gehen und die Gedanken wandern zu lassen. Zeit, für scheinbar sinnloses herumwerkeln, sortieren, wurschteln… (auch eine der wichtigsten Grundlagen für kreative Schübe)
Wir könnten uns Urlaub nehmen, aber das muss nicht mal sein. Oft reicht es schon, die Freizeit genau dafür zu nutzen: für freie Zeit. Zeit für Erholung, Rückzug und Pause. Damit können wir so viele Krankheiten vermeiden, und so viel schöne Momente erleben.
Dann bin ich gespannt darauf, wie Du als Schmetterling so bist! Erzähl mir von Deinen Entwicklungen, Krankheiten und Käfersuppe…

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.de

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