Reise nach Patagonien: ein paar Schnappschüsse von der Reise, Landschaft und Innenräume, so wie eine sehr junge Johanna mit Katze und Mate. ©2018 Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

Reise nach Patagonien – zu mir selbst

Viele Menschen glauben, Hochsensible seien nicht wirklich belastbar, und hochbegabte Menschen seien wenig handfest oder nur zu intellektuellen Arbeiten in der Lage. Dem möchte ich heute gerne einen Bericht aus der Zeit direkt nach meinem Abitur entgegensetzen. Das habe ich in Buenos Aires gemacht, weil ich mit meinen Eltern dort einige Jahre gelebt habe. Auch das schon ein Abenteuer, aber jetzt geht es um diese Reise nach Patagonien:

Ich habe mich schon beim losfahren so unendlich frei gefühlt!

Endlich lag die Schule hinter mir. Ich war so frei wie nie zuvor in meinem Leben, als ich mit meiner Schulfreundin nach Patagonien fuhr. Genauer: zur Estanzia ihrer Familie am Fuß der Anden.
In Rio Gallegos erwartete uns am Bus wie geplant der große Bruder, den sie ewig nicht gesehen hatte. In der winzigen Stadtwohnung schliefen wir und wachten zu Mate und Galletitas con dulce auf. Kein Kaffee, kein Brot, sondern bitterer Mate aus der Kalabasse und dazu Wasserkekse mit Karamellcreme. Nun gut, dann lerne ich eben Mate zu trinken, ich kann alles, wenn ich nur will. Auch bitteren Mate lieben lernen. Wir kauften noch säckeweise Lebensmittel und in einem Ford Pick-up mit extra Benzintonne auf der Ladefläche brachen wir auf. Viele, viele Stunden Schotterstraße bei 80 km/h trugen uns durch die tiefschwarze Nacht.

Am Himmel zehnmal so viele Sterne wie jemals zuvor, weit und breit keine Menschenseele.

Nur Schafe und die unendliche Weite: Patagonien. Gegen Ende der Nacht zeigte das zarte Morgenrot weit vor uns hohe Berge: die Anden, endlich.
Mit einer abenteuerlichen Konstruktion aus Drahtseil und Metallplattform wurden wir über den Fluss gebracht. Auf der anderen Seite erwartete uns der Mitarbeiter mit den Pferden. Über die freie Weite des Tals, den Fritz Roy zur Linken, ritten wir eine Stunde auf das Haus zu.
Unser zugewiesenes Zimmer lag voller staubtrockener, ungegerbter Kuhhäute, die wir zwei Mädels hinaus in einen Schober tragen mussten, durch den patagonischen Wind. Sehr lustig für die Männer, sehr anstrengend und diffus demütigend für uns. Aber wir taten es, räumten das Zimmer frei, machten die zwei Metallbetten, säuberten den Boden und das Regal, fanden Decken und Hocker sowie Felle als Teppich, und erschufen uns so in wenigen Stunden ein vorübergehendes Zuhause.

Die Nacht war unwirklich: ich hörte Kühe direkt neben mir und driftete durch Träume von endlosen Busfahrten und menschenleeren Landschaften.

Mit dem Morgenlicht weckte sie mich und zeigte aus dem Fenster über meinem Bett: hinter den Kühen stand der 3405m hohe Fitz Roy in der frühen Sonne, majestätisch und dennoch ein gleichberechtigter Teil der endlos weiten Landschaft um uns herum. „Soweit das Auge blicken kann gehört uns das Land. Nur dort ist der Fluss die Grenze, und die nächsten Bergketten dort und dort gehören natürlich zu anderen Estanzias und zum Nationalpark.“ Ich lächelte sie an, sprachlos. Aufstehen. Schnell anziehen. Mate. Keine Galletitas.
Dann ab aufs Pferd, es war schon 7:00 Uhr, und die Kühe mussten, wie jeden Morgen, hochgetrieben werden, auf die kargen steinigen Sommerweiden, damit das fette Gras im Tal für den Winter reicht. Nach etlichen Stunden auf dem Pferderücken, erstaunlicherweise weder wund noch lahm, durften wir essen. Und ausruhen. Dann buk meine Freundin zum ersten Mal in ihrem Leben ein Brot und ich begann den Berg Kleidung in Angriff zu nehmen, der geflickt werden musste … ein Teil meiner selbst rebellierte ein bisschen, grummelte „Aber Feminismus!“, der Rest fand unendliche Befriedigung darin, Knopf um Knopf anzunähen und Naht um Naht zu schließen. Frieden. Sichtbare Ergebnisse. Freude.
Das Brot war so lecker, dass es ihre Aufgabe blieb uns damit nach Bedarf zu versorgen. So stand sie in den vier Wochen zahllose Stunden mit Mehl bedeckt am Küchentisch, Teig knetend, während ich nähte, und wir sprachen wenig. So kannten wir uns gar nicht:

Wir waren zufrieden, einfach da zu sein und von morgens bis abends etwas zu tun zu haben.

An einem Tag trieben wir die Kühe in einen Pferch, um den Jungen die Hörner zu stutzen und die Muttertiere zu melken. Teilweise blutige und nicht ungefährliche Aufgaben, aber das schlimmste was geschah, neben etlichen Blutspritzern auf der Jacke, war ein Fußtritt auf meine Hand. Mir geschah nichts weiter außer einem bald abklingenden heftigen Schmerz, und kaltes Wasser zum Kühlen gab es im Bach genug. Also konnte ich abends problemlos mit der teilweise selbst gemolkenen Milch den Milchreis kochen, auf den wir uns alle vier schon freuten.
An einem anderen Tag zogen die drei anderen früh los, um eine Kuh zu schlachten, die sich schwer verletzt hatte. Sie waren 7 Stunden fort. Während dieser Zeit hatte ich gut zu tun in Haus und Hof, war ganz vertieft, und staunte, als plötzlich ein fremder Mann in der Küche stand: ein Nachbar aus dem nächsten Tal, hinter dem Gletscher, auf dem Weg in den Ort. Er staunte ebenso, hatte sich, wie üblich, in Abwesenheit der Bewohner in der unverschlossenen Küche nur ausruhen wollen. Ich entschied sofort: „Setzen Sie sich. Ich mache einen Mate.“ Er folgte meinen Handgriffen mit kritischen Blicken, aber als ich den bitteren ersten Mate selbst getrunken hatte, nahm er die frischgefüllte Kalabasse entgegen und murmelte zufrieden, als er sie mir zurückgab.

Ich fühlte mich, als hätte ich eine weitaus wichtigere Prüfung als das Abitur bestanden.

Sogar ein paar Galletitas aß er mit mir! Dann zog er weiter, und als die anderen die Geschichte hörten, lachten die Männer lauthals: „Er hat Angst gehabt, er ist meistens monatelang alleine und Du junge Frau mit Deinen roten Wangen und blauen Augen warst der erste Mensch, den er seit dem letzten Herbst zu sehen bekam! Der Arme hatte einen Schock!“ (Das blieb nicht der einzige Überraschungsbesuch, aber das führt hier zu weit…)
Im Laufe der Wochen stieg der Respekt der Männer für uns Mädchen: wir murrten nicht, wir packten an und waren immer bereit zu lernen. Es gab jeden Tag so viele Gründe zu lachen!
Dieses einfache klare Leben in Patagonien tat uns so gut. Nach Jahren voller Kopfarbeit nun endlich sofort sichtbare Ergebnisse zu erzielen, Aufgaben gut zu bewältigen, die uns völlig neu waren, und Nacht für Nacht die müden Muskeln und die freundlichen Kühe auf der anderen Seite der Wand zu spüren, das war Balsam für unsere Seelen.

Die Unmittelbarkeit dieses Lebens tat uns gut, ebenso wie das steigende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Ich lernte meinem Körper mehr zu vertrauen. Lernte, auch meinen Geist ausruhen zu lassen. Lernte, dass ich keinen Luxus brauche, sondern genügsam sein kann. Ich erlebte mich selbst völlig neu: als gute Mitarbeiterin, Köchin und Gastgeberin, als zupackend und handfest, als interessante Gesellschaft für die unterschiedlichsten Menschen, und lernte auch, dass ich meine Grenzen verteidigen kann, meine Kräfte einteilen kann und nur wenig mädchenhaften Ekel oder Scham kenne.
Vermutlich haben diese vier Wochen in der patagonischen Weite mich mehr über mich selbst gelehrt, als die 14 Jahre Schule vorher. Ich habe dort erfahren dürfen, dass die Leere und Klarheit der Landschaft mir erlauben, meine innere Fülle entspannter zu leben.

Dort durfte mein Geist weit und ruhig werden.

Klarheit, Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft, alles Wesentliche war da, alles andere war weit fort, war in Buenos Aires geblieben. Zeit spielte nur eine Rolle, wo sie im Alltag messbar war: Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Mahlzeiten, Jahreszeiten.
Plötzlich rief meine Mutter an, um zu fragen ob ich Weihnachten nicht zu Hause sein wolle. Das sei in einigen Tagen. Welch ein Einbruch in diesen Frieden! Die Realität rief mich zurück.
Als man mich nach zwei Tagen einsamer Reise am Busbahnhof in Buenos Aires abholte, war mir alles zu viel, zu voll, zu bunt, zu laut, ich kauerte mich im Auto zusammen und hielt mir die Ohren zu. Wären sie nicht entschlossen gewesen, mich mit heim zu nehmen, so hätte der nächste Bus mich wieder hinuntergetragen, in die Weite, die Ruhe und Freiheit, nach Patagonien.

Ich bin davon überzeugt, dass ich erst dort verstanden habe, wer ich bin, dass die Ruhe, die Weite und Klarheit dieser Landschaft mir erst ermöglicht haben, mich zu entfalten.

Und dass ich diese Weite in einem Winkel meines Herzens bewahrt habe, hilft mir immer wieder zurück zu finden zu mir selbst.
Die von mir erlebte Situation existiert nicht mehr. Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Aber in meiner Erinnerung sind wir jung und das Leben groß… und wundervoll.
Dafür bin ich unendlich dankbar. Dankbar für die Großzügigkeit und die Freundlichkeit aller Beteiligten, nicht nur der in Patagonien. Dankbar auch dafür, heute um meine Hochbegabung und meine Hochsensibilität zu wissen, ohne mich von ihnen einschränken zu lassen. Das Leben ist immer noch groß, größer und vielschichtiger sogar.Und immer noch wundervoll!

Gab es in Deinem Leben auch eine Reise, die Dich wesentlich verändert hat? Bitte, erzähl uns im Kommentar unten davon…

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.deP.S.: Nebenbei bemerkt finde ich es unglaublich wichtig, mindestens einmal längere Zeit in einem anderen Land zu leben. Das öffnet eben nicht nur den Horizont, sondern gewährt auch nach Innen neue Blickwinkel.

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2 Gedanken zu „Reise nach Patagonien – zu mir selbst

  1. Liebe Johanna, meine Reise nach Patagonien steht noch bevor. Ich bin sicher, dass sie auch viel in mir bewegen wird. Dann werde ich dir berichten. Liebe Grüße!

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