Achtsamkeit Hochsensibilität

Das hochsensible System und die Veränderung

Muscheln (c) Mascha Ringe

Eines der Probleme mit Hochsensibilität ist, dass eine Irritation von einer Seite gleich das gesamte hochsensible System in Mitleidenschaft zieht. Die Symptome, die ein Hochsensibler dann zeigt, verraten nicht immer wo genau das Problem liegt, aber sie haben immer eine Ursache.
Zum Beispiel führt bei hochsensiblen Kindern Schulstress häufig zu Bauchschmerzen oder Migräne. Dann muss man natürlich die Symptome behandeln, um dem Kind zu helfen. Aber es ist äusserst wichtig, dem ursprünglichen Problem auf die Spur zu kommen, und es so weit wie möglich zu lösen. Eventuell reicht schon ein klärendes Gespräch mit einem Mitschüler oder Lehrer aus, in anderen Fällen ist vielleicht ein Schulwechsel die Lösung. Es gibt ebenso viele Szenarien wie Betroffene. Und bei Erwachsenen ist es genauso:

Manchmal spielt das hochsensible System verrückt.

Man hat die eigenartigsten körperlichen Symptome, streitet sich mit der besten Freundin, bekommt Magenschmerzen vom Lieblingsessen oder bringt keinen geraden Satz mehr zu Papier. Vielleicht verspürt man eine Abneigung gegen das eigene Parfum, erträgt den Anblick des Partners kaum oder findet den Heimatort auf einmal unglaublich schrecklich. Aber eigentlich ist doch alles in Ordnung…! Es ist zum aus der Haut fahren. In meinem Fall nehme ich das gerne mal wörtlich und bekomme einen Neurodermitisschub, trotz penibler Vermeidung aller Allergene und bekannter Auslöser. Manchmal ist sogar diese Beachtung meiner Regeln das eigentliche Problem: Die Routine ist zur Falle geworden, und das System reagiert mit Alarmsignalen an allen Fronten:

Das ist der Moment für Veränderung.

Dann, wenn der Hochsensible dieses Gefühl von Irritation hat, eine Ahnung von sich anbahnender Katastrophe, ohne einen wirklich handfesten Hinweis auf eine solche zu finden, dann muss eine Veränderung sein. Natürlich muss man erst genau kontrollieren, ob in allen Bereichen wie Familie, Arbeit oder Partnerschaft alles in Ordnung ist. Auch erst einmal den Körper genauer anschauen, um auszuschliessen, dass eine Erkrankung vorliegt. Aber wenn man alle diese Faktoren ausgeschlossen hat, also „eigentlich nichts ist“, dann stellt sich die Frage: was hat mein System denn dann so durcheinandergebracht? Ist es vielleicht das Fehlen einer Irritation? Das Fehlen von Reibung? Von Abenteuer? Von Lebendigkeit?

Wir richten uns allzu gern im Bequemen ein und vergessen unsere Lebenslust.

Die Lust am Spiel, an der Herausforderung, an der Reibung… sie ist auch bei den zarten, empfindsamen Hochsensiblen ein Grundbedürfnis. Wenn wir uns allzu sehr zu schützen versuchen, nur ja keine Risiken eingehen wollen, und unbedingt jede Irritation zu vermeiden suchen, dann ersticken wir langsam in unserem Schneckenhaus. Es ist eine Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und Entwicklung. Diese beiden schliessen einander nicht aus, nur schiesst manch einer beim Versuch sein hochsensibles System zu schützen über das Ziel hinaus. Dann fehlt es an Anregung. An Eindrücken, die uns inspirieren. An Lebendigkeit.

Sicher, das kann lange gut gehen. Aber nicht ewig.

Irgendwann sagt uns unser eigenes, ach so sensibles und empfindsames System: „Hallo, hier stimmt etwas nicht. Alles ist im Lot, alles ist in Ordnung. Aber ich brauche jetzt ein bisschen Chaos, um mich zu erinnern, dass die einzige Konstante im Universum die Veränderung ist! Also los, verändere etwas! Irgendwas!“
Und dann hat jede und jeder von uns doch ganz sicher sofort eine Idee, was man verändern könnte. Meist ist das ein großer ungelebter Traum, der so unrealistisch scheint, dass man doch lieber in der bisherigen Sicherheit bleibt. Und das System rebelliert weiter.

Aber was, wenn wir eine kleine Veränderung wagen?

Eine klitzekleine Erinnerung an den Fluss des Lebens, an die Wirbel und die Gezeiten. So etwas Kleines wie

  • einen neuen Haarschnitt,
  • ein paar rote Schuhe,
  • ein neues Restaurant,
  • eine unbekannte Frucht,
  • ein anderer Urlaubsort,
  • ein anderer Weg zur Arbeit,
  • ein Theaterbesuch,
  • eine ganz andere Zeitschrift,
  • ein Fahrradausflug,
  • eine Reitstunde,
  • ein vollkommen unbekanntes Gericht kochen,
  • eine Flussfahrt,
  • ein Tagesausflug in unbekanntes Gebiet,
  • ein Treffen mit alten Freunden,
  • ein Treffen mit Bekannten, aus denen neue Freunde werden könnten…

Das sind nur ein paar Beispiele für kleine Veränderungen, die deinem hochsensiblen System genug neue Eindrücke verschaffen könnten, um einen Veränderungsprozess anzustossen, der ja vielleicht doch, früher oder später, in der Erfüllung dieses großen unrealistischen Traumes münden kann.

Auf jeden Fall braucht auch ein hochsensibles System ab und zu Überraschungen. Vergesst das nicht, wenn ihr euch fragt, warum denn heute der Rücken schon wieder ziept, oder was denn diese Gereiztheit verursacht, oder warum euer Partner eigentlich immer/nie (hier passendes einsetzen)… vielleicht braucht ihr einfach eine kleine frische Brise. Oder, wie die Perlmuschel, ein Sandkorn, aus dem ihr eine Perle entstehen lassen könnt.
Denn wenn wir unsere Hochsensibilität als Geschenk sehen, dann haben wir den Vorteil früh genug zu spüren, wenn sich etwas ändern muss. Wir brauchen keinen Infarkt, kein Burnout, keine Weltreise, keinen Jaguar. Wir können, dank unseres hochsensiblen Systems, die Veränderung langsam und sanft angehen, „mit Gefühl„, wie mein Fahrlehrer beim Schalten immer sagte.

Dann kann vielleicht aus einer klitzekleinen Veränderung ein schöneres Leben werden…

Herzlichst, wo immer du bist,

Johanna Ringe

 

 

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2 Kommentare zu “Das hochsensible System und die Veränderung

  1. dieser Artikel kam heute genau richtig, DANKE

    • Liebe Birgit,

      vielen Dank für dein Feedback… genau dafür schreibe ich hier.
      Ich wünsche Dir gute Veränderungen und einen klaren Weg – und jede Menge gute Tage!

      Herzlichst,
      Johanna

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