Hochbegabung

Das Schlimmste an der unerkannten Hochbegabung!

Text: Das Schlimmste an der unerkannten Hochbegabung auf Photo von einsamem Mann am Meer (c)Johanna Ringe 2018 www.dein-buntes-leben.de

Du fragst, was das Schlimmste sei an der unerkannten Hochbegabung? Abgesehen von dem schrecklichen Gefühl, falsch zu sein, anders zu sein, vielleicht bei der Geburt vertauscht, oder doch von einem anderen Planeten zu stammen, meinst Du? Abgesehen von dem daraus resultierenden Mangel an Selbstwertgefühl? Abgesehen von diesem diffusen Gefühl, nicht genug zu sein? Also nicht normal genug, nicht offen genug, nicht zurückhaltend genug, nicht oberflächlich genug, nicht tiefschürfend genug, nicht einfach genug, nicht direkt genug, nicht entspannt genug, nicht spontan genug, nicht organisiert genug, nicht was auch immer genug… auf jeden Fall:  so wie Du bist, falsch zu sein. Also abgesehen davon?

In den meisten Fällen ist das Schlimmste die Einsamkeit.

Letzten Endes münden all die Gefühle der Andersartigkeit und all die Probleme im Umgang mit den Mitmenschen in dieses eine große Gefühl: die Einsamkeit. Selbst der angepassteste hochbegabte Mensch wird in den meisten Gruppen, zu denen er im Laufe seines Lebens dazuzugehören versucht, außen vor bleiben. Vielleicht nicht von außen sichtbar, aber innerlich gefühlt. Wenn er nicht das große Glück hat, relativ früh einem gleichartigen Menschen zu begegnen, der ihn versteht, bei dem er sich normal fühlen kann, dann ist der Normalzustand für den Hochbegabten die Einsamkeit.

Diese Einsamkeit durchdringt alle Lebensbereiche

Du sehnst Dich nach Zugehörigkeit, bist aber jeder Gruppe gegenüber voreingenommen. Ob in der Schule oder im Beruf, überall gibt es Zweifel ob Du angenommen werden wirst. Dabei hast Du natürlich im Gymnasium oder in der Biophysik bessere Chancen als an der Hauptschule oder auf der Baustelle. Aber auch im Gymnasium gibt es Cliquen und Mobbing. Die fleissigen, sehr guten Schüler haben Studien zufolge einen durchschnittlichen IQ von 117. (Hochbegabung ist nicht mit Hochleistung zu verwechseln.)

Erinnern wir uns an das Verhältnis von 2: 98 von hochbegabten zu anderen Menschen.

Wenn Du zu den Höchstbegabten zählst, ist die Wahrscheinlichkeit auf einen gleichartigen Menschen zu stoßen noch geringer. Zumal sie ja fast alle vorsichtig geworden sind und sich deshalb auch nicht zu erkennen geben – ein Teufelskreis. Hier möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es definitiv Menschen gibt, die als Hochbegabte in eine hochbegabte Familie hinein geboren werden, gut durch die Schule kommen, ein entsprechendes Studium abschließen und in einem befriedigenden Beruf landen – kurz: glückliche Hochbegabte. Und selbst wer keinen so guten Start ins Leben hatte kann sein Glück noch finden. Unter Umständen musst Du Dich einfach genau so zeigen, wie Du bist, erkennbar werden. Dann ist das Schlimmste vielleicht nicht mehr so schlimm.

Wenn Du jemanden kennen lernst, der so ist wie Du, dann halt ihn fest!

Das beste Heilmittel gegen diese Einsamkeit ist immer noch, sich andere Hochbegabte zu suchen, am besten gleich eine ganze Gruppe, mit denen Du Dich normal fühlen kannst. Deshalb ist das Perfide an der nicht erkannten Hochbegabung, dass man an den falschen Stellen sucht. Es ist immer wieder erschreckend, bei wie vielen hochbegabten Kindern zunächst das Gegenteil angenommen wird: man vermutet sie seien zurückgeblieben. Bei nicht erkannten hochbegabten Erwachsenen wird zu oft beispielsweise die Depression nicht als Folge, sondern als Ursache der Probleme angesehen. Eine falsche Behandlung ist in beiden Fällen die Folge, und verkompliziert die Sache in der Regel noch.

Die Hochbegabung zu erkennen löst oft das Puzzle.

Wenn die Hochbegabung als Faktor bei der Betrachtung des Lebens mit einbezogen werden kann, dann treten klare Muster zutage. Es wird erkennbar, dass das Problem nicht beim Hochbegabten selbst, sondern in der mangelnden Passung lag. So kann die Heilung der Psyche beginnen und das Selbstwertgefühl wachsen. (Über die spät erkannte Hochbegabung findest Du hier mehr.) Ein hochbegabter Mensch wird immer Selbstzweifel haben, denn er misst sich am Ideal, aber zumindest kann er sich als legitimer Erdenbürger anerkennen. Wenn auch als besonderer, unter Umständen als einer von tausenden.

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.de

P.S.: Auf der Suche nach Gleichartigen kannst Du gerne diesen Freitag bei der bunten Tafelrunde hereinschauen! Das wäre ein Anfang… und wir freuen uns sehr über jedes neue Gesicht, und jeden neuen, anders bunten Menschen!

P.P.S.: Einzigartig, ja, aber nicht allein! Lies diesen Blogartikel, wenn Du glaubst, es gäbe einfach niemanden wie dich…

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7 Kommentare zu “Das Schlimmste an der unerkannten Hochbegabung!

  1. Hallo Johanna,

    ja, ich war hin und es war, nun sagen wir mal: durchaus interessant.
    Ich werde nächstes Jahr wohl wieder hingehen.

    Und: Danke!

    Sonnige Grüße
    Chiara

  2. Ein sehr schöner Text, auch wenn er ein wenig traurig stimmt.
    Noch schlimmer dran sind allerdings die Menschen, auf die der Text so gut passt und die nicht einmal hochbegabt sind :/
    Immerhin liefern mir persönlich die Theorien zur Scanner-Persönlichkeit und Hochsensibilität (und die MBTI-Persönlichkeitstypen) ansatzweise eine Erklärung.

    • Hallo Chiara,
      zuerst einmal: wer schlimmer dran ist – darum geht es nicht. Wir sind immer subjektiv in unserer Situation, und leiden individuell. Vergleiche bringen in der Regel eher mehr Leid.
      Es gibt viele Überschneidungen von HS und HB, weil wir hier ja nicht von Maschinen sprechen, mit bestimmten Funktionen und Zahnrädern, sondern von menschlichen Persönlichkeiten. Jede Person hat viel verschiedene Wesenszüge, u.a. ihre Sensibilität, ihren Intellekt, ihre Geschicklichkeit und ihr Einfühlungsvermögen, und diese sind mehr oder weniger ausgeprägt. Völlig willkürlich wurde festgelegt, dass diejenigen, die in bestimmten Tests soundso abschneiden, hochbegabt zu nennen sind. Aber das ist ja nur eine Zahl, eine methodische Krücke, um Menschen in Gruppen einzuteilen, und den Umgang mit ihnen vereinfachen zu können. Die spezifischen Themen der HB beginnen schon bei IQ etwas unter 130, das ist ja keine harte Grenze. Und sie werden, je nach Umfeld und dem Rest der Persönlichkeit, als mehr oder weniger problematisch empfunden. Wir Menschen bleiben Individuen!
      Und aus welchem Grund auch immer Du Dich allein fühlst, die Lösung ist immer dieselbe: suche Gleichgesinnte und tausche Dich mit ihnen aus!
      Gerade Hochsensible findest Du u.U. über Facebook, da gibt es etliche Gruppen, über die Open Mind Akademie, über hochsensibel.org (Umfangreiche Linkliste: Kontakte vor Ort).
      Ich wünsche Dir viel Erfolg und freundliche Begegnungen!
      Herzlichst,
      Johanna

      • Hallo Johanna,
        danke für Deine Antwort.
        Eigentlich ging es mir auch nicht darum, zu urteilen, wer schlimmer dran ist. Ich denke nur, dass es einfacher ist, wenn man für welches-Problem-auch-immer eine Erklärung hat. Oder einen Platz, wo man dazugehört.
        Danke für Deinen Tipp. Das „find your tribe“-Thema begegnet mir in letzter Zeit im Internet ziemlich oft. Jetzt muss ich die nur noch finden :)

        Viele Grüße und ein erholsames, aufladendes, klärendes Retreat ;)

        Chiara

        • Hallo Chiara,
          dankeschön, das werde ich hoffentlich haben, genau so. :-)

          Seinen Stamm, sein Rudel zu finden (kennst Du „Die Wolfsfrau“ von C. Pinkola Estés? Tolles Buch!) ist an sich einfacher als man denkt. Wenn Du irgendetwas gerne tust, ob es Puppen sammeln, Darts werfen oder durch den Jemen trampen ist, dann such vor Ort bei Dir und im Internet nach entsprechenden Foren, Seiten, Stammtischen, Austauschmöglichkeiten, Messen…. und DANN GEH HIN. :-) Ich selbst bin jahrelang daran gescheitert, aber jetzt habe ich glaub ich verstanden was „Showing up is everything“ bedeutet.
          Suchen, FInden, Kontakte knüpfen. Sich berührbar machen. Aus dem Schatten treten und anfassbar werden. Sichtbar.
          Das kann Angst machen und alte Verletzungen aktivieren, gerade wenn man immer anders war oder gemobbt wurde. Aber sich gezielt denen zu zeigen, mit denen man eine Eigenschaft, eine Leidenschaft oder zumindest ein Interesse teilt, ist so wichtig. Das ist der erste Schritt.
          Wenn es bei Dir vor Ort keinen Freak Treff gibt (was auch immer Deine persönliche Definition sein mag, ich meine das rundweg positiv im Sinne von „definitiv anders“) dann mach selbst einen!

          Alles alles Liebe und viel Erfolg und vor allem FREUDE beim Finden!

          Herzlichst
          Johanna

          • Hallo Johanna,

            danke für Deinen wertvollen Kommentar!

            Ja, das Buch kenne ich; es liegt schon seit längerem auf dem noch-zu-lesen-Stapel *hüstel*

            Menschen mit ähnlichen Interessen finden: ja.
            Hingehen: also, ääh…
            Aber jetzt bin ich für ein Freak-Treffen angemeldet (und werde auch hingehen ;)
            Und überlege ernsthaft, vielleicht irgendwann mal einen Ausflug in die Nähe von Frankfurt zu machen und zu Eurem Stammtisch zu kommen.

            Viele Grüße
            Chiara
            P.S.: Deine Kommentare sind schon befremdlich. Man könnte fast meinen, dass Du mich kennst ;)

          • Nun, Chiara,
            auch wenn der Kommentar irgendwie im Nirvana festhing, hoffentlich warst Du bei dem Treffen, und es hat Dir gut getan!
            Bei der bunten Tafelrunde bist Du immer willkommen!
            Herzlichst
            Johanna

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