Leben mit Menschenscheu (c)Johanna Ringe 2016 www.dein-buntes-leben.de

Leben trotz oder mit Menschenscheu?

Ich bin kein Gruppenmensch, ich bin menschenscheu. Klar, ich liebe Menschen! Aber ganz ehrlich: wenn ich die Wahl zwischen einem guten Buch und einer Menschenansammlung habe, dann gewinnt grundsätzlich das Buch. Ganz unabhängig davon, ob es um einen Konzertbesuch, also ein unfreiwilliges Bad in der fremden Menge, oder eine Geburtstagsfeier im Freundeskreis, also überwiegend vertraute Gesichter geht.

Ich mag Menschen lieber in homöopathischer Dosierung.

Natürlich hat das diverse Ursachen. Einmal meine introvertierte Persönlichkeit, aber auch schlechte Erfahrungen mit Gruppen, Mobbing in der Schule und ähnliches. Im Erwachsenenleben aber durfte ich postitive Gruppenerfahrungen machen: ob in der Ausbildung zur Märchenfrau oder zum psychosozialen Coach, wenn ich mich erst einmal überwunden hatte teilzunehmen, dann lernte ich hochinteressante Menschen kennen, aus denen oft Freunde wurden. Und genau das ist der Punkt:

Wunderbare Erfahrungen belohnen mich dafür, meine Menschenscheu zu überwinden.

So ersetzen die neuen Lernerfahrungen langsam die alten Muster von Enttäuschung und Demütigung. Das war aber nur möglich, weil ich mich getraut habe. Weil ich meine Scheu und all meine Ängste akzeptiert habe, und trotzdem hingegangen bin. Da ich immer noch introvertiert bin, mich als „anders als die meisten anderen“ kenne, und die Welt ein verrückter Ort ist, gibt es immer noch, auch als Mutter erwachsener Kinder, solche Situationen.
Dann erinnere ich mich an diesen Spruch:

Ein Mutiger ist ein Ängstlicher, der seine Gebete gesprochen hat.

Ich spreche keine bewussten Gebete, was mir hilft ist eher das abgrundtiefe Seufzen, das Spüren meiner Fußsohlen auf der Erde, und das vollkommen theoretische Wissen: die anderen sind auch nur Menschen. Dann stehe ich da, im Raum, andere kennen sich schon, man begrüßt sich fröhlich, schwätzt ein bisschen, richtet sich ein. Einige sitzen oder stehen auch allein, blicken sich um, zögerlich, abwartend, ich sehe ihre Menschenscheu. Oder andere mit routinierter Tüchtigkeit, sich orientierend, einordnend.

Und dann kommt jemand auf mich zu, eine Fremde, und sagt: „Schön, daß Du da bist!“

Ab diesem Moment ist die Angst weit fort, und ich begegne einem Menschen nach dem anderen. Namen prasseln auf mich ein, aber vor allem Eindrücke, optische und sensorische: „Laute Stimme. Dunkle Haare. Locken. Schöner Mund. Klare neugierige Augen. Fester Händedruck. Oder: Seitenblicke. Zögernde Stimme. …“
Dann noch die Daten, die meine Hochsensibilität und Hochsensitivität mir geben: „Einsam. Fröhlich. Ängstlich. Traurig. Durch die Hölle gegangen. Vom Leben enttäuscht. Versucht von sich abzulenken. Versucht durch Lautstärke die Furcht zu übertönen. Ist unehrlich. Ist total offen. Ist auf der Suche nach Liebe/Energie/Sex/Führung. Ist vollkommen frei. Ist nicht allein, hat einen Schatten.“ Lauter Informationen zu den Menschen, die vor mir stehen.

Schon eine Handvoll fremde Menschen drängt mir eine ganze Bibliothek voll Informationen auf.

Wenn das Treffen auch noch in mir unbekannten Räumlichkeiten stattfindet, dann weiß ich schon: am Abend werde ich hundemüde sein, viel nach- denken müssen, und werde noch den nächsten Tag mit der Verarbeitung meiner Erfahrungen verbringen. Bei Wochenend-Seminaren oder noch längeren Veranstaltungen kann das Verdauen aller Eindrücke dann auch mal Wochen dauern – schliesslich gab es auch noch Lernstoff!

Das Wissen um meine eigene hochsensible, hochbegabte Persönlichkeit hilft mir gelassener durch solche Situationen zu gehen.

Jetzt weiß ich, dass ich weniger Filter habe als andere Menschen, dass die Informationsmassen die meine sieben Sinne mir liefern, in meinem Hirn auch verarbeitet werden wollen. Jetzt weiß ich, dass ich auf mein So-sein Rücksicht nehmen muss, kann und darf. Meine Menschenscheu ist ein Symptom mit dem ich lerne umzugehen.
Wenn ich im Vorhinein einplanen kann, dass ich Erholungszeit brauche, dass ich bewusste Mini- Pausen einlege (Jeder muss doch mal aufs Klo, Leute…), dann verlieren Gruppenevents ihren Schrecken. Dann kann ich mutig sein, und eine fremde Frauengruppe in Wiesbaden besuchen, wo ich mich überhaupt nicht auskenne. (Ok, ich habe eine Freundin als Verstärkung mitgenommen, aber das ist ja erlaubt! Kuss & Gruß an Sabine und natürlich an Claudia und die anderen tollen Frauen im Gartenhaus!)

Auch Du musst, kannst und darfst auf Dein spezielles So-sein Rücksicht nehmen – nicht nur im Umgang mit Gruppen.

Dazu will ich Dich ermutigen. Du bist ein Schatz, eine Bereicherung für jede Gruppe, ob in der Arbeit, der Ausbildung oder in der Freizeit. Es lohnt sich für Dich und für alle anderen, wenn Du Deine Menschenscheu überwindest und teil nimmst!
Ausserdem möchte ich den nicht so hochsensiblen Menschen einen Einblick geben, damit sie besser verstehen können, was in ihren hochsensiblen Kindern/Eltern/Frauen/Männern/Freunden vorgeht. Wenn das Kind nicht mit auf Klassenfahrt will, oder der Mann nicht mitgehen will zur Geburtstagsfeier, oder die Frau sich vor dem selbst ausgesuchten Fortbildungskurs drückt – seid liebevoll und mutig, und redet mit ihnen.

Zwang funktioniert nicht, das habt ihr sicher schon gemerkt. Aber Verständnis, ob für sich selbst oder die Liebsten, das hilft immer.

Versprochen!

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

P.S.: Und Kommunikation, natürlich! Miteinander Reden ist das Allheilmittel für alles Zwischenmenschliche.

P.P.S.: Hinterlass mir doch bitte unten einen Kommentar zu diesem Artikel … Ich freue mich sehr !

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3 Gedanken zu „Leben trotz oder mit Menschenscheu?

  1. Ich lese immer wieder gerne hier mit. Danke für dein dich-Zeigen. Ich nehme immer wieder das Gefühl mit, nicht allein zu sein mit meinem Bündel Widersprüchlichkeiten und dem Empfinden, immer mal wieder überrollt zu werden von all´ den Eindrücken. Ich suche immer wieder den Anker in mir, was mir nicht leicht fällt, aber ich habe ja Mitreisende…

    Danke für die Echtheit hier in deinem bunten Raum.

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