Hochsensibilität: Wolle & Reißzwecken (c) Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

Was ist Hochsensibilität?

Im Zusammenhang mit Hochsensibilität und Hochsensitivität gibt es zwar einige Merkmale, deren Vorhandensein bei einem Menschen nahelegt, dass dieser hochsensibel oder hochsensitiv sei, aber es existiert bisher kein verlässliches, wissenschaftlich fundiertes Testverfahren!

Hochsensibilität und Hochsensitivität sind bislang nicht testbar.

Dennoch gibt es einige Forschungsergebnisse zum Thema, allen voran forscht Dr. Elaine N. Aron seit den frühen Neunzigern in diesem Bereich. Sie hat mehrere Bücher dazu verfasst, die zu den grundlegenden Standardwerken gehören. (siehe auch Literaturliste)
Es kommen fast täglich Neuerscheinungen dazu, von Betroffenen wie von Wissenschaftlern, von Coaches und von Psychologen. Manche unterscheiden zwischen der körperlichen Hochsensibilität und der Hochsensitivität als über die fünf Sinne hinausgehende Begabung, andere machen diese Unterscheidung nicht. Meiner Erfahrung nach sind die Grenzen oft fließend.
Bei Hochsensiblen scheint ganz allgemein gesprochen die Verarbeitung der Sinneseindrücke ungefilterter zu geschehen. Daher z.B. die als oft als überwältigend empfundenen Geräusche einer Baustelle: es fällt schwer, relevante Informationen aus dem Chaos herauszufiltern bzw. die irrelevanten Geräusche auszublenden.

Hochsensibilität ist keine Krankheit sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.

Eine hohe Empfindsamkeit, egal in welchem Bereich, kann positiv und als Gabe empfunden werden, oder auch als Bürde. Das ist eine Frage der persönlichen Entwicklung und der individuellen Situation. Für einen Klavierstimmer oder Instrumentenbauer ist das empfindliche Gehör wichtig und eine willkommene Fähigkeit, für die Grundschullehrerin oft eine Prüfung. Krankhaft ist es in keinem der Fälle. Genau wie eine Körpergröße von 200cm oder von 145cm nicht krankhaft ist, sondern einfach eine Anpassung der eigenen Lebensumstände an die Körpergröße erfordert.
Sicherlich gibt es auch hochsensible Borderline-Patienten, oder depressive, genau wie es hochsensible Kinder mit Windpocken gibt. Aber wenn die eigene hohe Sensibilität angenommen und berücksichtigt wird, dann ist sie nicht pathologisch und auch nicht die Ursache irgendeiner Krankheit! Nur wenn der Hochsensible seine Gabe unterdrückt und negiert, dann kann sich das gesundheitlich niederschlagen – wie im Übrigen bei jedem unterdrückten Persönlichkeitsanteil.

Selbstfürsorge und Selbstmanagement sind hilfreich und notwendig.

Unter Selbstfürsorge und Selbstmanagement verstehen wir hier ein Verhalten, das die eigenen Bedürfnisse erkennt und berücksichtigt. Einige Beispiele:

  • als hoch geräuschempfindlicher Mensch Rockkonzerte und Volksfeste meiden bzw. wohldosiert besuchen
  • als hochsensibler Mensch Konfrontationen und belastende Begegnungen mit aufgewühlten Menschen minimieren
  • als hoch geruchsempfindlicher Mensch öffentliche Toiletten, Parfümerien oder Gruppenumkleiden meiden

Allgemein gelten folgende Empfehlungen für Hochsensible und Hochsensitive:

  • regelmäßige Zeiten des Rückzugs einplanen und einhalten
  • die eigenen Belastungsgrenzen wahrnehmen und berücksichtigen
  • Belastendes weitgehend meiden und Grenzen setzen
  • sich nach notwendigen Stresssituationen Raum und Zeit zur Regeneration nehmen
  • die positiven Seiten der Sensibilität nutzen und geniessen
  • persönliche Notfallmaßnahmen überlegen: eigene Geräuschkulisse über Kopfhörer, Dufttücher ins Reisegepäck, Einzelzimmer…
  • üben, sich aus Stresssituationen zu befreien
  • klar die eigenen Bedürfnisse kommunizieren
  • sich für sich selbst verantwortlich fühlen (nicht für alle andern!)
  • Entspannungstechniken ausprobieren und die angenehmste dann regelmäßig ausüben
  • vorsichtig in der Auswahl von Gesprächspartnern sein, mit denen man über die eigenen Erfahrungen spricht
  • sich mit anderen Hochsensiblen austauschen

Der Empfindungsreichtum kann große Zufriedenheit bescheren.

Menschen die ihre persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten erkennen, sie ausleben und einsetzen, empfinden ihr Leben als befriedigend und ausgefüllt. Dabei ist die Ausprägung der Begabung irrelevant, es kommt einzig auf ihr Annehmen und Erleben an. Anders gesagt: ob ich singe, weil es mir Freude macht, ist nicht abhängig von meiner Begabung, sondern von meiner Freude. Die Freude der Mitmenschen ist nicht mein primäres Ziel dabei.
Wenn nun ein Mensch visuell außergewöhnlich hochbegabt ist, und dieses Talent in Malerei, Fotografie oder Produktdesign auslebt, dann wird er ein zufriedenerer Mensch sein. Wenn andere von seinen Arbeiten begeistert sind, sich daran freuen und er von seiner Arbeit leben kann, dann ist das ein wunderbares Beispiel für gelebte Hochbegabung und Hochsensibilität. Wenn derselbe Mensch einen anderen Beruf hat, in seiner Freizeit aber sein Talent kreativ auslebt, dann ist das ein genauso wunderbares Beispiel – es geht um Zufriedenheit und Selbstausdruck, nicht um kommerziellen Erfolg.
Auch die akustisch hochbegabte Kriminaltechnikerin, die aus den Hintergrundgeräuschen eines Notrufs Informationen herausfiltern kann, lebt ihre Begabung. Vom sensorisch begabten Bäcker oder Parfümeur ganz zu schweigen.

Bewusst gelebte Hochsensibilität bereichert das Leben aller.

Nicht nur Musiker und Künstler, oder Köche und Designer bereichern unseren Alltag durch ihre Begabung, auch die hochempathische Hebamme ist in ihrem Beruf durch ihre Gabe genau richtig. Der Friseur profitiert von seiner ausgeprägten Intuition, wie auch der Werbetexter: beide erfassen sehr leicht, was die Kunden gerne ausdrücken würden. Jeder Mensch ist einzigartig, in seiner Begabung ebenso wie in seiner Methode, diese Auszuleben. Für alle aber gilt: lernen gestresste Hochsensible und Hochsensitive erst einmal auf ihre feinen Sinne zu hören, und auf sich selbst zu achten, dann sind sie einem zufriedenen und erfüllenden Leben schon einen großen Schritt näher gekommen.

Herzlichst, wo immer du bist,

Johanna Ringe

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