Kreativität

Unverhofft – eine Flasche, eine Herkules und das ist noch nicht alles…

Unverhofft: ein altes Motorrad im Unterholz. ©Johanna Ringe 2021 www.dein-buntes-leben.de
1.

Der lichte Herbstwald würde auch ohne die Sonnenstrahlen leuchten, in denen der Staub und die Mücken tanzen. Langsam schlendere ich den federnden Weg entlang. Sauge alles auf: das Summen und Rascheln, den erdigen Geruch, die satten Farben von Dunkelgrün über Sonnengelb bis Blutrot. Da vorne, links im Wald, da liegt irgendwas unter dem Laub verborgen. Man sieht es glitzern in der Herbstsonne, aber was ist es wohl? Meine Schritte werden länger, ich gehe hin und schiebe mit dem Fuß das Laub zur Seite: eine Weinflasche! Eine sehr alte Flasche, oben versiegelt, dreckig, und scheinbar voll! Seltsam, was macht die denn hier? Ich drehe sie mit dem Fuß um. Sie hat ein Etikett, alt, braun, fleckig und verblichen. Vielleicht handgeschrieben? Jetzt bücke ich mich doch, das will ich mir genauer anschauen. Eine schwere volle Flasche, etwas eigenwillig und ungleichmäßig geformt, mit einem tatsächlich ungebrochenen Siegel. Das Etikett ist kaum zu lesen, ich kann nur „1872“ entziffern, zumindest bin ich mir fast sicher. Und wenn mir meine Augen und meine Phantasie keinen Streich spielen, dann könnte da „Rothschildt“ stehen. Schwer zu sagen.

Auf jeden Fall hebe ich die Flasche auf. Ich nehme sie mit und werde einen Weinkenner finden, der mir weiterhelfen kann. Vielleicht mache ich sie auch einfach auf, schließlich ist der Inhalt dunkel und fast undurchsichtig – es muss ein schwerer Rotwein sein. Jetzt stellt sich die Frage, ob ich die Flasche verkaufe, was mir mit Sicherheit einiges einbringen würde, oder ob ich sie einfach heute Abend zu meinem eigenen Vergnügen öffne. Aus Neugier und Abenteuerlust. Hm. Doch, ja, ich glaube, ich werde sie öffnen!

Und während ich so dastehe, die Flasche in der Hand, ganz in Gedanken, sehe ich auf einmal, daß da noch etwas unter dem Laub liegt, nur notdürftig verborgen, und ich frage mich, ob es eben auch schon da war… ein altes Motorrad, Vorkriegsmodell, eine alte Herkules… wie konnte ich die denn bloß übersehen?! Es wundert mich schon fast gar nicht mehr, dass sie sich aufrichten lässt, und sogar von mir. Anscheinend ist sie gut gepflegt. Und gar nicht einschüchternd, nicht groß und dramatisch bunt, sondern alt, solide und eben irgendwie vertraut. Auf so einer Maschine sind meine Großeltern damals in die Flitterwochen gefahren, mitten im Krieg. Ich muss lächeln.

Die Weinflasche verstaue ich in meiner Tasche, die quer über meinen Rücken hängt, dann steige ich auf die Herkules, als ob ich das jeden Tag täte, lasse sie an und fahre mit einem Sausen in den Ohren und Schmetterlingen im Bauch durch den sonnendurchfluteten Herbstwald!
Und meine Zweifel, meine Sorgen, meine Unsicherheiten, die lasse ich einfach stehen, da, mitten im Wald.

 

2.

Die Sonne lässt die Blätter leuchten und der Fahrtwind spielt mit meinem Haar. Es ist unwirklich schön, und ich staune über die Sicherheit, die mich erfüllt. Kein Gedanke an rutschiges nasses Laub oder verärgerte Besitzer – das alles kommt mir erst in den Sinn, als der lichte Herbstwald langsam Wiesen weicht und ich am alten Friedhof halt mache. Eine Bank in der Sonne zieht mich magisch an und ich sitze schon fast als mir der Alte auffällt und ich innehalte. Klein, dick eingepackt mit Filzmantel und Wollschal, den Hut hochgeschoben und die knotigen Hände beide auf seinem Stock ruhend lässt er sich die Sonne auf die geschlossenen Augenlider scheinen. „Guten Tag, meine Liebe!“ spricht er mich an, ohne seine Haltung zu verändern. Verdutzt und gut erzogen antworte ich mit „Guten Tag!“ und setze mich dann doch  neben ihn.

„Und, fährt sie sich immer noch so gut wie früher?“ Bitte? Das kann er nicht gefragt haben. Laut sage ich: „Entschuldigung, ich weiß nicht was Sie meinen. Könnten Sie ihre Frage wiederholen?“  „Oh Himmel, Mädchen, jetzt tu nicht so! Du hast ganz richtig gehört! Nun sag mir ob sich die Maschine noch gut fährt!“ knurrt er mich an und wendet mir seine offenen trüben Augen zu. Er scheint blind zu sein.

Mein Herz beginnt zu rasen und ich blicke mich suchend um. „Keine Sorge,“ sagt er etwas sanfter, „es ist in Ordnung, mein Kind. Alles ist in bester Ordnung. Und lass dir gesagt sein, von Ordnung , da verstehe ich einiges. Ich war schließlich Buchhalter!“ Darüber lacht er keckernd und wirft den Kopf wieder in den Nacken. Was für eine Gestalt! Ich muss unwillkürlich mitlachen und entspanne mich ein bißchen. Als er fertig gelacht hat, greift er nach meiner Hand und befühlt sie. „Wie weich! Du bist ein Bücherfresser, stimmt’s? Naja, es hätte schlimmer kommen können. Zumindest wirst du verstehen, was ich dir erklären werde. Komm, lass uns ein paar Schritte gehen, die Kälte zieht mir in die Knochen.“ Gesagt, getan, er steht auf und hängt sich bei mir ein, sobald ich mich erhebe.

Gemeinsam schreiten wir gemächlich die weichen Wege des Friedhofes entlang, zwischen gelb und orange leuchtenden Blättern und violetten Astern. Es ist ein bisschen so, als wäre mein Großpapa wieder da und würde mit mir die Großen und Kleinen der Stadtgeschichte besuchen. Hin und wieder fragt der Alte, ob ein bestimmter Name dort stehe, oder jenes Grab gut gepflegt sei. Irgendwann frage ich:“ Was wollten Sie mir denn erklären?“

„Ach ja, natürlich! Verzeih einem alten Mann seine Verworrenheiten. Also. Du hast ein altes Moped und eine alte Flasche Wein im Wald gefunden. Vielleicht hast du dich gefragt, wie sie dort hingeraten sind, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall hast Du sie an Dich genommen und bist losgefahren. Und damit hast du die erste Bedingung meines Testamentes bereits erfüllt: Du hast sie dir zu Eigen gemacht.“

Verwirrt bleibe ich stehen, blicke ihn an und will tausend Dinge fragen – aber da lacht er schon wieder, dieses freche, rücksichtslose Altmännerlachen, tätschelt meine Hand und schnurrt dann geradezu: „Das ist schon alles gut so, mein Mädchen, alles ist gut. Du bist einfach zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Und jetzt gehen wir zu meinem Anwalt um den Rest zu klären.“ Hätte er jetzt ein bestimmtes Grab angesteuert, wäre das kaum überraschender gewesen als die Frau, die plötzlich, Aktenkoffer in der linken, vor mir steht und mit einem militärisch knappen „Müller, angenehm.“ Meine Rechte schüttelt, während der Alte an meinem linken Arm sich schier ausschütten will vor Lachen. Ich merke, dass mein Mund offen steht und ich glotze wie eine Kuh. In was bin ich da bloß hineingeraten?!

Na, was meinst Du, wie es weitergeht?
Verrat mir Deine Vermutungen gerne in Kommentaren…

(Dieser Text ist im September 2013 in einem Schreibkurs entstanden… andere Texte von mir hier, und hier, beispielsweise)

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.deP.S.: Wirklich, lass bitte hören, wie es in deinem Kopf weitergeht!

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2 Kommentare zu “Unverhofft – eine Flasche, eine Herkules und das ist noch nicht alles…

  1. Wunderbar! Welch schöne Entführung aus dem Alltag. Jetzt kann ich mit einem Lächeln und Dank zurück :-)

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