Hochbegabung Zitate

Eklektisch: wir sind naturgemäß Eklektiker!

Eklektisch? Ja bitte! Das bedeutet mehr als Rosinenpicken...! ©Johanna Ringe 2019 www.dein-buntes-leben.de

Ich habe einen sprachlichen Schock zu verarbeiten. Eines meiner Lieblingsworte, nämlich eklektisch, hat, offenbar vollkommen unbemerkt von mir, einen starken Bedeutungswandel erlitten.

„Eklektisch“ bedeutet laut duden.de:
  • in der Art des Eklektikers [verfahrend]
  • nur Ideen, Stilelemente anderer verwendend; unschöpferisch (abwertend)
  • nicht den nötigen Zusammenhang, die nötige Einheitlichkeit aufweisend, zerstückelt (abwertend)
  • aus bereits Vorhandenem auswählend, aus Verschiedenem ausgewählt
Einverstanden bin ich mit der Art des Eklektikers sowie mit dem Auswählen aus verschiedenem Vorhandenem, aber die abwertende Benutzung überrascht mich.

Ich habe dieses Wort als rundum positiv gelernt: eine eklektische Auswahl treffen im Sinne einer Auswahl aller möglichen sinnvollen Dinge oder Informationen aus einem möglichst breit gefächerten Angebot – dazu wurde ich zu Hause und in der Schule angehalten.

Eklektisch zu Denken entspricht der Struktur des hochbegabten und speziell des vielbegabten Gehirns.

Ich fürchte es ist mir unmöglich anders zu denken. Im Studium der Kunstgeschichte habe ich mich nicht für den Eklektizismus begeistern können, da er meinem Sinn für Harmonie, Symmetrie und Schönheit oft nicht entsprach. Aber als generelle Methode halte ich ihn für unabdingbar. Dazu ein Zitat aus dem entsprechenden Wikipedia – Artikel:

In den Geisteswissenschaften charakterisiert der Begriff Eklektizismus die Methode, aus Versatzstücken unterschiedlicher Systeme, Theorien oder Weltanschauungen eine neue Einheit zu bilden. Die häufig abwertende Verwendung des Terminus verrät eine Bevorzugung in sich abgeschlossener, isolierter Theoriesysteme gegenüber der Selektion zutreffender Aussagen aus verschiedenen Theorien bei Nichtübernahme widerlegter Elemente. Dass wissenschaftstheoretisch legitimiert dennoch Eklektizismus zu betreiben ist, zeigt Richter (2011) *.

*Joseph Richter: Freie Fundamente. Wissenschaftstheoretische Grundlagen für eklektische und integrative Theorie und Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2011.

Wenn geschlossene Theoriesysteme bevorzugt werden, werden Entwicklung und Wachstum erschwert.

In dem Moment, in dem die bisherige Herangehensweise an ein Problem an ihre Grenzen stößt, ist es doch das Selbstverständlichste, das beizubehalten, was funktioniert hat, und sich nach anderen Methoden umzuschauen, die man ergänzend adaptieren kann. Immer wieder dasselbe zu tun, und dabei andere Ergebnisse zu erwarten, ist verrückt. „Das haben wir schon immer so gemacht. Das machen wir auch weiter so.“ Spätestens an dieser geistigen Mauer spürt ein hochbegabter Mensch, dass er anders ist.

Goethe: »Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gemäß ist.«

Dieses Zitat von Goethe beschreibt in meinen Augen den Weg zu einem Leben, das dem eigenen Inneren am besten entspricht. Also den Weg zu einem glücklichen Leben.

Über die Vorteile des wählerischer Werdens habe ich schon geschrieben. Wir Hochbegabten sind naturgemäß Eklektiker. Wir ecken unter anderem deshalb alle an, immer wieder. Wenn Du vielbegabt bist, dann noch mehr: Dir werden Flatterhaftigkeit und mangelnder Fokus vorgeworfen, zusätzlich zum besser wissen und Unruhe stiften. Deshalb finde ich es so wichtig in der Selbstbeschreibung mit positiven Worten zu agieren. Deswegen hat mich der zunehmend abwertende Gebrauch des Wortes eklektisch im Grunde sogar verletzt.

Meine Irritation darüber aber beruht auch auf der Tatsache, dass im englischen das Wort eclectic eine rundum positive Bedeutung hat!

Beispielsweise bietet ein allseits beliebtes online Wörterbuch folgende Übersetzungen für eclectic an:

  • vielseitig
  • aus verschiedenen Quellen schöpfend
  • eine Auswahl darstellend
  • umfassend und ungewöhnlich
  • eklektisch [pej.]

Wenn ich also auf Englisch von meinen eclectic coaching methods spreche, transportieren diese Worte sehr genau was ich damit meine. (Gibt es hierbei einen Zusammenhang mit der höheren Wertschätzung, die Unkonventionalität auf den britischen Inseln erfährt?) Würde ich meine umfassende und ungewöhnliche Methodenvielfalt auf Deutsch als eklektisch bezeichnen, täte ich mir damit keinen Gefallen.

Es sei denn, die Menschen, die ich eigentlich ansprechen möchte, messen dem Wort eklektisch und der Methode des Eklektizismus dieselbe positive Bedeutung bei wie ich. Das müsstet Ihr mir beantworten!

Selbst im Synonym Wörterbuch wird eklektisch unter banal, unoriginell, gedankenarm, geistlos, fantasielos und stereotyp einsortiert. Dabei hätte ich es eher unter verschiedenen, abwechslungsreich, mannigfaltig, vielgestaltig, vielschichtig, variantenreich, facettenreich oder vielleicht sogar unter abweichend, divergierend, unkonventionell und querdenkerisch vermutet.
In meinen Augen zeigt dieser Bedeutungswandel in eine besorgniserregende Richtung, die sich perfekt in das Weltbild fügt, dass Zeitungen und Nachrichten mir jeden Tag präsentieren. Ich möchte jetzt nicht alle Stereotype und Dytopien aufzählen, an die ich mich erinnert fühle.

Die Bevorzugung einer möglichst einfach strukturierten, einheitlichen Doktrin gegenüber einer vielschichtigen, optimiert angepassten und vielleicht unkonventionellen ist die Norm. Und das beunruhigt mich.

Vielleicht bin ich aber auch nur Opfer des Novemberwetters. Es würde mich sehr freuen, wenn Du mir unten einen Kommentar dazu hinterlassen könntest, was Du darüber denkst!

Herzlichst, wo immer Du gerade bist, mit querdenkerischen Grüßen,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.de

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