Hochsensibilität

Als hochsensibler Mensch im Mittelalter?

Frau in Mittelalter -licher Gewandung in einer Menschenmenge. ©Johanna Ringe 2019 www.dein-buntes-leben.de

Heute mal ein Gedankenexperiment: wir wissen, dass es auch im Mittelalter ausserordentlich intelligente und begabte Menschen gab. Naheliegend die Vermutung, es habe auch Hochsensible gegeben. Nur,

wenn ich mir ein Leben im Mittelalter vorstelle, dann wäre das in meinen Augen eine wahre Hölle für Hochsensible. Oder nicht?

Ohne Verklärung wie in historischen Romanen, die uns das Mittelalter als eine Art wildromantische Vorstufe unserer Zeiten darstellen, an die stark vereinfachten Fakten denkend: unzureichender Schutz vor Witterung, politische Unsicherheit, Ungerechtigkeit als Gesellschaftsgrundlage, eklatanter Mangel an Hygiene und medizinischem Wissen, um nur einige zu nennen.

Welches Leben könnte ein Hochsensibler geführt haben?

Als einfacher Bauer in Dreck und Enge, der Welt und den Herren ausgeliefert?
Als ständig schwangere oder stillende Wäscherin am kalten Flussufer?
Als Krieg führender reisender Herrscher, im Tross, im Zelt, unterwegs?
Als relativ behütete Adlige in schlechtbelüfteten kalten Räumen ohne Rückzug?
Als Leibeigener? Als Weber? Als Amme?

Hochsensitivität durfte nur im Verborgenen gelebt werden.

Wer nicht als mit dem Teufel im Bunde gesehen (und ausgegrenzt oder schlimmeres) werden wollte, behielt seine aussergewöhnlichen Wahrnehmungen besser für sich. Andererseits waren das psychologische Wissen und das Kräuterwissen der weisen Frauen und der Klöster für weite Teile der Bevölkerung die einzigen medizinischen Hilfen.
Auf gewisse Weise war Hochsensibilität und Hochsensitivität im Mittelalter vielleicht sogar anerkannter und präsenter als heute. (Schliesslich ist die Inquisition nicht „das Mittelalter“!) Wie heute auch, suchten sich die Misfits ihre Nischen und ihr Rudel. Aber leicht war das sicher nicht, und wesentlich gefährlicher als heutzutage.
Egal, welche Variante ich durchdenke,

ausser dem RÜCKZUG in ein freundliches KLOSTER fällt mir kein GANGBARER WEG durch die Zeiten ein, die wir Mittelalter nennen.

Wie geht es Dir damit?
Heute mal nachdenklich und wortkarg, aber

herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.de

4 Kommentare zu “Als hochsensibler Mensch im Mittelalter?

  1. Angharad Beyer

    Liebe Johanna,
    ein interessanter Denkansatz. Vielleicht kann ich aus eigener Erfahrung etwas beisteuern ;-)
    Seit über 20 Jahren befasse ich mich mit Geschichte und Living History und habe u.a. auch einige Zeit in mittelalterlichen Häusern gewohnt, historische Kleidung getragen, habe auf offenem Feuer gekocht usw. Natürlich ist das nur eine Annäherung an tatsächliche Verhältnisse, Bettwanzen gab es nicht, dafür aber Zecken und Mücken ;-)
    (Das „Mittelalter“ dauerte immerhin rund 1000 Jahre und darf nicht pauschal in einem Stück betrachtet werden, aber mein Kommentar soll keine Geschichtsvorlesung werden *g*)
    Die wichtigste Lehre aus der Geschichtsforschung: bewerte niemals eine Epoche aus der Sicht deiner Zeit! Will heißen, was wir heute als Enge und Beschneidung unserer Privatsphäre betrachten, war früher normal. Nur als Beispiel das Schlafen; mehrere Menschen in einem Bett, in einem Raum war normal und bot Wärme und Sicherheit. Die Idee des getrennten Einzelschlafzimmers ist sehr neu und für den Menschen, der eigentlich ein Rudeltier ist, auch nicht gut.
    Daß Hygiene und Gesundheitsfürsorge nicht auf heutigem Stand waren, ist Fakt. In der Stadt war es noch schlimmer als auf dem Land, städtisch lebten aber nur ca. 10%-20% der Bevölkerung.
    Wir wissen nicht, ob sich HS früher genauso ausgewirkt hat wie heute – vielleicht hatten diese Menschen ein Gespür für Tiere und Wetter, konnten daher gut Landwirtschaft betreiben? Oder sie haben sich und ihr Umfeld sauberer gehalten als der Durchschnitt?
    Aus Erfahrung weiß ich auch, daß der zivilisierte Mensch recht schnell „verwildern“ kann. In meiner Wildnispädagogik-Ausbildung habe ich, selbst HS, schon nach kurzer Zeit draußen gemerkt, wie sich die Empfindungen verändern. Man gewöhnt sich ans Draußensein, an die Temperaturen, und der Sauberkeitsstandard sinkt. Händewaschen, waschen überhaupt wird nicht mehr so wichtig (aufs Zähneputzen wollte ich allerdings nie verzichten!), und man zieht schon mal ein paar Tage lang die gleichen Klamotten an. (Interessante Nebenerkenntnis: bei natürlicher Ernährung fast ohne Zucker und Junk Food stinkt man kaum!)
    Mein Fazit ist: viele unserer Empfindlichkeiten sind kulturbedingt. Daher ist so ein Vergleich eher ein schönes Gedankenspiel.
    Herzliche Grüße,
    Angharad

    • Phantastisch!
      Danke für diese perfekte Ergänzung, Angharad… sehr interessant, und deckt sich auch mit meinen Mittelaltermarkt Erfahrungen. Auch wenn die meilenweit von Deiner Wildnispädagogik entfernt sind, natürlich.
      Ich bin ein Kind meiner Zeit, und genau deswegen betrachte ich solche Gedankenspiele als notwendige Übung.
      Herzlichst,
      Johanna

  2. Liebe Johanna,

    dein Gedankenexperiment finde ich sehr interessant und spannend!
    Nun hat ja jede Zeit ihre eigenen Sorgen und Nöte und gerade für Hochsensible gilt das besonders. Ich denke aber trotzdem, dass die heutige Zeit für einen hochsensiblen Menschen die schwierigste ist, die man sich vorstellen kann. Hektik, Stress und Leistungsdruck sind jenseits von Gut und Böse, die Schnelllebigkeit und Reizüberflutung war nie so ausgeprägt. Und leider wird, trotz aller Mühen, Toleranzen und Offenheit immernoch Sensibilität oft mit Schwäche gleichgesetzt oder verwechselt. Jemand, der als schwach angesehen wird und nicht fähig oder willens ist, seine Ellbogen einzusetzen, hat in unserer Gesellschaft kaum eine Chance auf Erfolg, wie auch immer der definiert sein mag. Also, ich denke, die Hochsensiblen haben es heute am schwersten. Ein Zuckerschlecken war das hochsensible Dasein vermutlich im Mittelalter natürlich trotzdem nicht.

    • Hallo Katharina,

      Interessanter Ansatz. Mit den vielen Reizen der Jetztzeit umzugehen ist sicher herausfordernd. Dennoch bin ich froh, weder Flöhe noch Bettwanzen zu haben und auf einem Strohsack über dem Stall zu schlafen , sondern gut schließende Fenster und eine Zentralheizung mit Holzpellets in meinem Haus zu haben, und ein sauberes eigenes Bett.
      Müsste ich wählen, wäre ich froh über die Lebensbedingungen hier und heute, denn die Reizüberflutung zu dosieren liegt durchaus in meiner Macht.

      Herzlich
      Johanna

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