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Perfektionismus zähmen (und lieben) lernen

Ist ein Schmetterling lebendiger Perfektionismus? Oder einfach schön? (c)2015 Johanna Ringe

Tendierst Du zu Perfektionismus? Wenn dich dieses Blog anspricht, vermutlich schon. Die meisten Hochbegabten sind wegen ihrer Fähigkeit, sich das Bestmögliche vorzustellen, auch der Meinung, sie müssten das Bestmögliche erreichen. Dieser Satz klingt viel unkomplizierter als es ist, ihn zu leben. Wir bauen damit großen Druck auf, sowohl uns selbst, als auch anderen Beteiligten. Ich möchte Dir hier zwei Wege zeigen, Perfektionismus anzusehen.

Hochbegabte erkennen oft das perfekte Endergebnis schon bei der Planung.

Wir wollen ein Bild malen. Im Kopf haben wir bereits eine genaue Vorstellung davon, wie es aussehen soll. Nun machen wir uns mit unseren Mitteln an die Umsetzung: Acrylfarbe, Malgrund, Pinsel und Elan. Aber da uns die Übung und Fachkenntnis fehlen, gelingt es uns nicht, das Bild eins zu eins umzusetzen. Den Betrachtern gefällt das Gemälde, es ist originell und spricht sie an – und sie können es nicht an dem Vorbild in unserem Kopf messen. Wir aber wissen, dass dieses Bild nicht perfekt umgesetzt ist. Und deshalb hören wir das Lob nicht, sondern fühlen unser Versagen.
Dabei ist dieser Perfektionsanspruch vollkommen unangemessen, denn man ist kein Acrylmaler der sich keine Mühe gegeben hat, sondern Amateur! Hochbegabte haben oft mehrere Talente, könnten aufgrund ihres schnelleren und effektiveren Denkens, Fühlens und Handelns die meisten alltäglichen Arbeiten problemlos gut bis sehr gut bewältigen. Wenn sie sich nicht am Ideal messen würden. Aber, und das ist der erste Weg, seinen Perfektionismus zu zähmen:

Jeder kann lernen seine perfekte Vorstellung als Leitbild zu sehen: unerreichbar aber richtungsweisend.

Glücklich, wer sich auf einige wenige Bereiche beschränken kann, in denen er sich seinem Perfektionsanspruch stellen muss! Ein mathematisch-logisch Begabter hat vielleicht mit dem obigen Gemälde nicht solche Probleme, wie der hochsensible Ästhet neben ihm. Ein besonderer Fall sind dagegen Scanner… es geht nicht nur um das Bild. Auch die Einrichtung, die Altersvorsorge, die Kindererziehung, die TV-Anlage – Alles könnte perfekt sein.
In meinem Fall hingen jahrelang die nackten Glühbirnen in der Wohnung, weil ich nie die perfekt passende Lampe gefunden habe. Das hat mich unglaublich gestört. Um eine Wiederholung zu vermeiden habe ich mir im neuen Haus lampentechnische Kompromisse verordnet: innerhalb der ersten vier Wochen nach Einzug mussten überall Lampen montiert werden. Diese Kompromisse in ihrer ästhetischen Unvollkommenheit stören mich teilweise auch, aber nicht so extrem wie die nackten Baufassungen! („Sobald ich die perfekte Lampe finde, wird das Ding halt ersetzt…“)

Imperfektes stehen zu lassen erfordert Entschlossenheit und Mut*

Ein anderer für mich problematischer Bereich: das Schreiben. Es ist schwer, einen Blogbeitrag wirklich fertig zu finden, ihn zu veröffentlichen, obwohl zum Thema noch viel geschrieben werden könnte, oder eine Metapher nicht perfekt gewählt ist. Aber in dem Augenblick, wo ich auf einen in meinen Augen noch mangelhaften Blogbeitrag  positive Rückmeldungen bekomme, ist das unendlich beglückend. Und wenn ich wieder einmal höre, dass mein Blog einer Leserin die Einsamkeit nimmt, weil sie sich wiedererkennt, dann hat mein Tun Sinn. Diese Wirkung in der Welt und auf mich kann das Blog nur haben, wenn ich schreibe und mutig veröffentliche, anstatt mich von meinem Perfektionismus blockieren zu lassen!
Perfektionismus kann uns auch einsam und müde machen. Das liegt daran, dass wir unseren Mitmenschen oft einfach nicht zutrauen, bei einer Arbeit dasselbe perfekte Endergebnis anzustreben wie wir es tun. Oder gar es zu erreichen.

Also erledigen wir lieber alles selbst, statt uns HILFE ZU HOLEN, zu delegieren oder zu kooperieren.

Gerade Scanner sind hierfür berühmt-berüchtigt.Von der Website bis zum Strickmantel – wir machen selbst. Und wir sind frustriert, wenn das Endergebnis nicht jedes Mal mit unserer Vorstellung übereinstimmt. Aus der gelebten Erfahrung heraus, dass Du auf einem Gebiet, das dich interessiert, auch gut sein kannst, ist natürlich deine Erwartung an dich selbst enorm. Wenn dir dann ein Bereich begegnet, der dich herausfordert, dann wird es spannend. Hast du lernen gelernt? Kannst du dir Fehler verzeihen und nochmal von vorne beginnen? Kannst du deinen Perfektionismus als Motivation einsetzen, anstatt dich von ihm entmutigen zu lassen?

Sich Perfektion vorstellen zu können ist eine Gabe!

Wenn Du das perfekte Bild in deinem Kopf nicht mit den dir gegebenen Fähigkeiten oder Mitteln realisieren kannst, dann kannst Du in einer Kooperation mit einem begnadeten Künstler, einem Umsetzer, dennoch für seine Realisierung sorgen. Das bestmögliche Endergebnis einer Aufgabe oder einer Entwicklung voraussehend kann der Perfektionist den anderen ihr Ziel setzen, dem es so nah wie möglich zu kommen gilt – es gibt eigene Berufe für gelernte Visionäre:

  • ein Architekt plant einen Firmensitz
  • ein Stadtplaner entwirft einen Ortsteil
  • ein Landschaftsgärtner plant ein Naherholungsgebiet
  • ein Designer entwirft eine Kollektion
  • ein Kommunikationsdesigner entwickelt eine Werbekampagne
Indem die Ideenschmiede mit den Machern zusammenarbeiten, verändern sie die Welt.

Das ist die zweite Möglichkeit, den Perfektionismus zu zähmen: ihn gezielt zu kanalisieren. Welche Kooperationen könntest Du dir für Dich und deinen einzigartigen Gaben-Strauß vorstellen? Lass es uns wissen, ich bin schon gespannt…

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Johanna Ringe

 

 

* Das Tagpfauenauge oben – ist dieser Schmetterling perfekt? Oder perfekt imperfekt? ;-)

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1 Kommentar zu “Perfektionismus zähmen (und lieben) lernen

  1. Friederike Maschmann

    Liebe Johanna, das mit dem Perfectionismus hat mich ins Mark getroffen – obwohl ich schon viel länger schwer dran arbeite… (ufa, Stirn abwischen!) … entlarvt! verstanden!! wie schön!!! DANKE!

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