Zeichnung des Gesichtes von Tad Williams. (c)2017 Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

Hochbegabte Weltenwanderer II: Tad Williams

Vor über drei Jahren habe ich einen Blogbeitrag zum Thema Fantasy und Science Fiction geschrieben, über die hochbegabten Weltenwanderer, seien es die Schriftsteller wie Tad Williams, oder die Leser. Darin habe ich die These aufgestellt, diese Form der Literatur sei für Hochbegabte und auch Hochsensible notwendig. Natürlich kann man mir gerne widersprechen, von gefährlichem Eskapismus reden und mich auf die glücklichen Nichtleser unter den Betroffenen hinweisen – alles darf, nichts muss. Aber die betreffenden Schriftsteller sind wohl definitiv gern in diesen Welten unterwegs, ihren Köpfen entspringen ungezählte Identifikationsfiguren für Hochbegabte, Hochsensible oder Vielbegabte – nicht zuletzt weil sie selbst i.d.R. dazu gehören. Die hochbegabten Multipotentialisten, die Scannerpersönlichkeiten unter den HBs, sind meine erklärten Lieblinge (siehe hier), und am letzten Wochenende durfte ich einen sehr berühmten Vertreter persönlich erleben:

Tad Williams, den Verfasser von Drachenbeinthron, Otherland und Blumenkrieg u.v.m.

Im Rahmen einer Station seiner Europatour, einer großartigen Wohnzimmerlesung bei Frankfurt, durfte ich nicht nur erleben, wie ein Schriftsteller seine Kreation zum Leben erweckt, sondern in gewisser Weise auch Einblicke in seinen kreativen Ablauf und seine Denkprozesse gewinnen. Sowohl im F&A Teil der Lesung, als auch im persönlichen Gespräch – mit einem unglaublich sympathischen, offenen und freundlichen Menschen. Seine Frau Deborah Beale, Co-Autorin bei einigen Büchern, war ebenso präsent und interessant, und bewundert ihn genauso wie viele andere für seinen unglaublichen Verstand.

Ich behaupte, Tad Williams ist ein vielbegabter Hochbegabter.

Die Fähigkeit, die verschiedensten Erzählstränge kohärent im Kopf zu haben und dann so aufzuschreiben, wie sie sich dem Leser gegenüber entfalten sollen, zeugt definitiv von Hochbegabung. (Schaut euch Otherland an…) Die Selbstverständlichkeit, mit der er nach einem Fantasyuniversum wie Osten Ard, dann in die Science Fiction Welt von Otherland übersiedelte, ist symptomatisch. Schon Tad Williams‘ viele verschiedenen Berufe vor seinem schriftstellerischen Erfolg zeigen einen kreativen, energiegeladenen und facettenreichen Menschen. Als Beispiele seien hier nur Rockmusiker, Radiomoderator, Schauspieler und Verfasser von technischen Handbüchern genannt.  Er selbst sagt, er habe keine Schreibblockaden, weil er niemals Angst davor hätte. Wenn es mit dem Schreiben nicht klappe, dann tue er etwas anderes solange.

Er sei immer in so vielen Bereichen kreativ gewesen, vor allem auch in der Musik, so daß eine Pause im schriftstellerischen Schaffensprozess nicht sein Selbstbild in Frage stelle, wie das bei anderen Autoren der Fall sei.

Diese Aussage zum gefürchteten „Writer’s block“ zeigt sehr schön, wie die eigene Vielfältigkeit als positiv empfunden werden kann. Andererseits kann man sich auch denken, wie nicht-vielbegabte Kollegen darauf mit Ablehnung reagieren und sich verletzt fühlen. Dabei ist es keinerlei Wertung, schon gar nicht aus dem Mund dieses netten Mannes, sondern eine schlichte Erklärung seines eigenen Verhaltens. Dieses hohe Maß an Reflektiertheit passt genauso in meine „Lieblingsschublade“ wie seine Art zu antworten:

Tad beantwortet Fragen raumgreifend, ausschweifend, mit Freude und Eloquenz, in einer vielschichtigen Performance.

Er ist ein Schauspieler, schlüpft mit Leichtigkeit in viele Rollen, und hat die Gabe, auf freundliche Art umwerfend komisch und charmant zugleich zu sein. Und das ist ein weiteres Argument für meine Diagnose: hochbegabte Scanner sind Katalysatoren. Sie kommen von außen in eine Gruppe, stellen sich blitzschnell auf die anderen und ihr Thema ein und bewirken etwas, befruchten Diskussionen, geben Denkanstösse und bringen generell Bewegung.
Ihre hohe Energie wirkt einerseits ansteckend, andererseits oft befremdlich. Und selbst wenn viele Multipotentialisten wenig Schlaf brauchen, so ist zumindest bei den Hochsensiblen unter ihnen das Thema Rückzug existentiell. Zu Strahlen und zu Inspirieren gibt ihnen Kraft, sie lieben das Publikum, aber es muss auch Phasen der Regeneration und des Rückzugs geben. Wer viel schreibt und recherchiert, und dann und wann auf Lesereise geht, hat dieses Wechselspiel.

Es scheint kein Thema zu geben, über das Tad Williams nicht gerne spricht.

Ob es die Heilmethoden der Hildegard von Bingen sind, über die er recherchierte, die deutsche Sprache, Bücher und ihre Unterbringung, seine kreativen Prozesse oder Kaffee – immer ist er wortreich und voller Energie dabei, selbst spätabends nach einem langen Tag voller Lesungen und Signierstunden. Das macht ihn für eine vielbegabte Hochbegabte wie mich einfach unwiderstehlich. Und die Fragen in der Runde zeigten deutlich, dass auch unter seinen Lesern viele Quer- und Vieldenker vertreten sind, genau wie ich es erwartet hätte.

Das Gehirn des hochbegabten Vielbegabten mag sich einfach nicht mit einer einzigen Realität zufrieden geben.

Deshalb finden wir sie an Autorenschreibtischen, auf Lesungen von Tad Williams & Co., auf Scheibenwelt-Treffen und in der Rollenspielgruppe. Wie ich vor drei Jahren schrieb, geht es auch um die Identifikation mit diesen besonderen Charakteren, mit den Einzelgängern, den Telepathen und den ausgegrenzten Helden, aber mehr noch um die Gemeinschaft mit anderen, „die genauso verrückt sind wie ich“, wie man immer wieder hören und lesen kann.   Ich bin sehr dankbar für dieses Erlebnis, glücklich über die Begegnung mit einem Großen, und immer, immer wieder frisch verliebt in diese bunten, phantastischen Menschen!

Herzlichst, wo immer Du gerade bist,

Unterschrift Johanna (c) Johanna Ringe 2014 ff. www.dein-buntes-leben.deP.S. Unter #tadwilliams oder auf www.tadwilliams.com gibt es mehr….

P.P.S.: Jetzt bin ich gespannt: Was ist Deine Meinung zum Thema Schriftsteller, Fantasy, SF und Hochbegabung?

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2 Gedanken zu „Hochbegabte Weltenwanderer II: Tad Williams

  1. Oh Johanna, konntest Du echt Tad Williams persönlich treffen?!?! Wie cool. Ich höre gerade die Shadowmarch Reihe von ihm…
    Danke für Deine Gedanken zu ihm und zum Schreiben von Fantasy und dem Zusammenhang von HB und VB. Do hab ich das noch nicht gesehen.
    Ich frag Dich dann beim nächsten Stammtisch, warum die Begabten Fantasy so sehr brauchen.
    Liebe Grüße Britta

    1. Ja, das war eine hochinteressante und intensive Lesung – ich wusste gar nicht, auf was für einen sympathischen Menschen ich treffen würde. Und seine Frau Deborah, mit der er die Tinkerfarm- Reihe zusammen schreibt, ist genauso liebenswert. Sehr inspirierend!
      Gerne beim Stammtisch mehr zum Thema!
      Gute Zeit bis dahin
      Johanna

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