(c) Johanna Ringe :Folge dem weißen Kaninchen

Wie hast Du genug Zeit?

„Keine Zeit, keine Zeit, ich muss zur Königin!“ sagt das weiße Kaninchen im Wunderland, auf die Taschenuhr blickend. Alice staunt über die Weste und die Uhr mehr, als darüber, dass dieses Tier sich anscheinend den menschlichen problematischen Umgang mit der Zeit zu eigen gemacht hat. Wie seltsam, sind Tiere doch unter anderem so beliebte und inspirierende Hausgenossen, weil sie offenbar immer genug Zeit haben: die Katze ist müde, sie schläft sofort ein.

Woran liegt es, dass uns Menschen so oft Zeit zu fehlen scheint?

Nun, wir haben im Gegensatz zu unseren Haustieren meist einen Beruf, und gewisse zeitliche Rahmenbedingungen. Aber wir sind uns selten dessen bewusst, dass wir auch immer eine individuelle Eigenzeit haben, die sich von außen nicht diktieren lässt, sowie eine ständig wechselnde unterschiedliche Zeitwahrnehmung.
Um zu einem bewussteren Umgang mit unserer Zeit zu gelangen schauen wir uns das genauer an:

Was bedeutet hier Eigenzeit?

Manchem mag der Begriff „Eigenzeit“ eher aus der Physik bekannt sein, aber auch in der Soziologie wird er benutzt: Jeder Prozess in der Natur, und damit auch jeder Prozess der menschlichen Erfahrung, erfordert einen individuell unterschiedlichen Zeitraum. Sowohl das Lernen, das Begreifen als auch das Spielen oder kreativ sein „braucht seine Zeit“. Wie oft benutzen wir diese Redewendung? Und wie oft behaupten wir „nie genug Zeit zu haben“ für diese Sachen? Woran liegt das?
Unsere Gesellschaftsordnung ist ein komplexes System, das unter anderem den Zeitbegriff des Einzelnen dominiert: es gibt Vorgaben, durch Arbeitsteilung und andere Strukturen, darüber, wieviel Zeit man für bestimmte Aufgaben zugebilligt bekommt. Das beginnt bereits in der Kindheit, am augenfälligsten in der Schule, wo alle Kinder innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens Aufgaben zu lösen haben. Wer sehr viel langsamer oder sehr viel schneller ist, also eine stark abweichende Eigenzeit hat, eckt an. Im Job gibt es dann die „Deadlines“, Abgabetermine und Arbeitszeiten.
Selten passen die Menschen diese Zeitabschnitte an die betroffene Person an, eher gibt es Erfahrungswerte, die auf die aktuelle Situation übertragen werden – ungeachtet der individuellen Eigenzeit. Dabei wäre dieser spezielle Mensch eventuell mit einer leicht anderen Zeiteinteilung wesentlich produktiver, gesünder und glücklicher. Das gilt genauso bei allen Veränderungen wie Umzügen, Arbeitsplatzwechseln oder dem Kennenlernen neuer Personen, wie bei einem neuen Arzt – jeder Mensch hat hier seinen persönlichen Rhythmus, bis er wieder Vertrauen gefasst und sich akklimatisiert hat.

Wir nehmen Zeit unterschiedlich wahr

Die Zeitwahrnehmung jedes Menschen ist unterschiedlich, und hängt noch dazu davon ab, mit was wir unsere Zeit gerade verbringen: je mehr wir intellektuell gefordert sind, desto mehr Zeit scheinen wir mit einer Sache zu verbringen. Umgekehrt scheint ein eher anspruchsloser Prozess schneller vorbeizugehen. Für unbekannte Strecken meinen wir beispielsweise länger zu brauchen, als für die dann bereits bekannte Rückfahrt. Und älteren Menschen scheinen die alltäglichen Verrichtungen immer schneller und schneller vorbeizugehen, weil alles altbekannt ist… „Was, schon wieder eine Woche um?!“.
Gefahrensituationen können unser Zeitgefühl komplett aushebeln, weil unser System dann andere Prioritäten setzt: die Sekunden während eines Unfalles vergehen subjektiv in Zeitlupe. Daher ist es so wichtig, immer wieder bewusst Entspannung zu erleben: Stress ist eine subjektiv wahrgenommene Gefahrensituation, die kein Ende nimmt, weil wir „immer im Stress“ sind, und daher im subjektiven Empfinden „keine Zeit haben“!
Ganz im Gegensatz dazu scheint sich jeder Zeitraum, den wir mit Warten verbringen, ins Unendliche auszudehnen, weil die bewusste Konzentration auf die verstreichende Zeit uns das vorgaukelt.

Unsere biologischen Rhythmen sind verschieden

Folgende Begriffe aus der Chronobiologie kennen die meisten Menschen im Zusammenhang mit dem populären Begriff „Biorhythmus“: die seltenen „Lerchen“ sind die glockenwachen Frühaufsteher, dann gibt es die breite Mehrheit: die „Normaltypen„, und die  „Eulen“ laufen eben erst später am Tag oder in den Abendstunden zu Höchstform auf. Die „innere Uhr“ justiert sich täglich neu mit dem Tageslicht, was auch die sich verschiebenden Tagesleistungshochs im Jahreslauf erklärt: wenn es länger dunkel ist, ist man später wach.
Wer berufsbedingt ständig seinem Chronotyp zuwiderlebt, hat irgendwann ein Schlafdefizit angehäuft, das dann ausgeglichen werden muss, z.B. durch Ausschlafen am Wochenende. Das betrifft unter anderem – aber nicht nur! – die meisten Jugendlichen und Studierenden.

Bei der Zeitplanung gibt es individuelle und regionale Unterschiede

Die Chronopsychologie unterscheidet zwei Typen, wenn es um Zeitplanung geht: die Through-timer können den Überblick über Wochen und Tage behalten und daher Termine planen und zeitgerecht wahrnehmen. Die In-timer dagegen befinden sich in einem steten Jetzt, und haben daher meist große Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit. Diese beiden Typen sollen im Verhältnis von 50:3 auftreten.
Aus der Anthropologie möchte ich noch die Begriffe der monochronen und der polychronen Gesellschaft vorstellen: in unserer westlichen Zivilisation leben wir in einer monochronen Gesellschaft, es gibt einen linearen Zeitstrang an dem sich alle orientieren, alles wird verabredet und terminiert und Pünktlichkeit ist wesentlich im Miteinander (wie oben im Gegensatz zur Eigenzeit bereits ausgeführt).
In einer polychronen Gesellschaft dagegen steht die gelungene menschliche Interaktion im Mittelpunkt, nicht ihre zeitliche Planung (beispielsweise Naturvölker mit einem vertikalen oder zyklischen Zeitbegriff.) Wenn diese verschiedenen Mentalitäten aufeinandertreffen, so sind Missverständnisse unvermeidlich: als Beispiel sei ein Schweizer in Südamerika genannt, wo eine Verabredung „vormittags“ oder „abends“ ist, was einen mehrstündigen Rahmen setzt, keinen festen Zeitpunkt.

Und wie gehst Du mit deiner Zeit um?

Aus all diesen unterschiedlichen Parametern kannst Du dein persönliches „Zeitprofil“ erstellen:

  • hast Du eine eher längere oder kürzere Eigenzeit bei Lernprozessen, bei Veränderungen, beim kreativ arbeiten und anderen typischen Prozessen?
  • in welchen Lebensbereichen wünschst Du dir Entschleunigung, oder einfach „endlich genug Zeit“?
  • wie sieht dein optimaler Tagesplan als Normaltyp oder Eule oder Lerche aus?
  • bist Du eher ein planender oder ein stets im Jetzt lebender Planungstyp?
  • lebst Du in einer polychronen oder monochronen Umgebung, und welcher dieser Zeitbegriffe entspricht eher deinem Wesen?

Jetzt überprüfe: hast Du dein Leben deinem Typ entsprechend eingerichtet? Wenn nicht, wo kannst Du dir selbst ein bisschen entgegenkommen, was kannst Du an deinem Alltag ändern, so dass Du dich mit deiner Planung wohler fühlst?
Vielleicht sind es nur Kleinigkeiten, wie eine Stunde früher ins Bett zu gehen, oder sich etwas mehr Zeit für manche Dinge zu nehmen. Vielleicht gibt es aber auch größere Veränderungen, deren Notwendigkeit dir jetzt ins Auge springt. Was es auch sein mag, lass dich mutig auf die Veränderung ein – damit Du häufiger das Gefühl haben kannst: „Ich bin gut in der Zeit!“

Herzlichst, wo (und wann) immer du bist,

Johanna Ringe

 

P.S.: Wenn Du lieber in einer Coachingsitzung deinen optimalen Umgang mit Zeit erarbeiten willst, dann kontaktiere mich – jederzeit! :-)
P.P.S.: Ich freue mich über deine Gedanken zu diesem Thema – als Kommentar unten, oder per Mail!

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