Hochsensibilität

War es der Zucker?

Ein Glas voller bunter Bonbons

Gestern hatte ich einen seltsamen Tag: erst wachte ich schwer auf, aus intensiven und schönen Träumen. Das war eine ganz andere Welt, mit anderen Bezugspersonen, einer anderen Gesellschaftsordnung und anderem Umgang miteinander. Eine Welt, aus der ich mich nur schwer lösen konnte, und ehrlich gesagt, gar nicht lösen wollte. Mir blieb eine sanfte Sehnsucht nach einer freundlicheren Welt bis lange nach dem Frühstück erhalten.
Ich saß also am Schreibtisch, leicht wehmütig, erlaubte mir ein paar kleine Süßgkeiten, ausnahmsweise und vollkommen bewusst. Dann wurden plötzlich die Termine, die ich für den Tag notiert hatte, von anderer Seite verschoben, so daß ich frei war, anderes zu tun. An sich eine wunderbare Situation, wenn nicht so viele Dinge auf der Nachrückliste stünden…während ich noch darüber sinnierte, klingelte das Telefon erneut: meine Tochter. Spontan verabredete ich mich, auf ihren Wunsch mit ihr eine dringende Besorgung zu machen.

Das Mittagessen fiel erstmal aus.

Da ich sie sofort treffen sollte (schliesslich hatte sie ja noch weitere Termine!), verliess ich das Haus ohne Mittagessen. An sich kein Problem, ich kann auch mal ein Stündchen später essen. Und im Auto teilte meine Tochter ihr Getränk mit mir, Zitronensprudel, ausschliesslich mit Fructose gesüßt. Also zumindest der Hitze trotzen konnte ich, und keine Gefahr, schlechte Laune oder Kopfweh durch Hunger zu bekommen. Na gut. Zum Glück konnten wir alles zu unserer Zufriedenheit erledigen, und auf dem Rückweg sogar kurz im Bioladen noch ein schnelles und doch nicht allzu spätes Mittagessen mitnehmen: einen leckeren Bagel mit Frischkäse und Kresse und ein duftendes Rosinenbrötchen. Zuhause gemeinsames Essen mit meiner Tochter, mit Gelächter und Gesprächen, in Ruhe,  bis die Lerngruppe tagte, und ich mich wieder zurückzog.

Wieder am Schreibtisch: ungewohnt unkonzentriert und fahrig.

Die Süßigkeiten standen noch da, also griff ich noch einmal zu. Dann entschied ich mich, den Schreibtisch für diesen Tag zu verlassen, und einige andere zeitaufwändigere Sachen zu erledigen, für die ich nicht so konzentriert sein müsste. Also nahm ich meinen Hund mit und machte mich wieder auf den Weg. Es war heiss, aber ich hatte noch Zitronensprudel dabei, zum Glück. Und für den Hund Wasser. Diesmal hatte ich weniger Erfolg als mittags mit meiner Tochter: nur die Hälfte meiner Punkte auf der ToDoListe konnte ich abstreichen. Schade. Über den schönen Strauch für den Garten freute ich mich aber schon, nur eben nicht so sehr.
Zurück daheim bereitete ich mir erstmal einen Kaffee, mit Milch, ohne Zucker, wie gewohnt. Und fühlte mich seltsam gedämpft, unkonzentriert und verstimmt. Unnötig zu sagen, dass der Kaffee dabei überhaupt nicht half. Nicht einmal den Duft konnte ich wirklich wahrnehmen. Blätterte mich durch Zeitschriften und Zeitung.

Lustlos half ich bei der Zubereitung des Abendessens.

Zuerst gab es einen großen bunten Salat mit Paprika, schwarzen Oliven und Schafskäse, danach frische Kirschen. Herrlich! Aber ich konnte es nicht recht geniessen. Und fühlte mich auch meiner Familie nicht nah, sondern empfand alles als distanziert, ohne dass ich einen Grund dafür finden konnte. Nach dem Aufräumen saßen wir vor dem Fernseher, und sahen uns die letzten beiden Folgen der momentanen Serie auf DVD an, während ich strickte. Meine Lieblingsmethode, um den Tag zu beschliessen, mich vom Tagesgeschehen zu lösen und langsam zu mir zu kommen. Doch gestern blieb ich innerlich zerfranst, konnte mich nicht sammeln. War durstig und unwirsch.

Beim Tagebuchschreiben fiel mir endlich etwas auf.

Als ich meinen Tag Revue passieren liess, wie jeden Abend beim Zubettgehen, sah ich, dass ich über den Tag verteilt mehr Zucker zu mir genommen hatte als in den letzten Monaten: sonst trinke ich Kaffee, Tee oder Wasser, aber keine süßen Getränke. Sonst esse ich keine Süßigkeiten, höchstens einen Nachtisch, aber nichts zwischendurch. Und wo ich morgens noch bewusst nach dem Kaubonbon gegriffen hatte, da hatte ich nachher einfach welche gegessen, weil sie da waren. Die Selbstbeherrschung nahm im Laufe des Tages ab, und ich wurde immer antriebsloser und lustloser. Ohne äusseren oder inneren Anlass, denn von verschobenen Terminen oder wehmütigen Träumen bin ich normalerweise nicht so extrem beeinträchtigt. Selbst in der Summe überwogen die ärgerlichen Dinge nicht die befriedigenden, positiven Aspekte des Tages. Und die fremdbestimmten Planänderungen allein hätten mich nicht so sehr verstimmt. Und dennoch war meine Stimmung immer schlechter geworden, mein Energielevel immer mehr gesunken. Und obwohl ich trotz meiner Hochsensibilität und diversen Allergien recht skeptisch bin, was Ernährungsdogmen und Diätvorschriften angeht, kann ich heute nicht umhin mir die Frage zu stellen:

War es der Zucker?

Was hast Du für Erfahrungen damit gemacht? Über deine Kommentare und Geschichten freue ich mich…

Herzlichst, wo immer du bist,

Johanna Ringe

Print Friendly, PDF & Email

0 Kommentare zu “War es der Zucker?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.