Achtsamkeit Hochsensibilität

Siehst Du hinter die Masken der Menschen?

Maske (c) Johanna Ringe

Viele Menschen tragen Masken, und merken es gar nicht. Manche schlüpfen ganz bewusst täglich in eine Rolle, am augenfälligsten ist es, wenn man eine Berufskleidung trägt, wie die Robe des Richters, die Uniform des Polizisten oder aber auch den Anzug des Managers. Aber andere Menschen leben im Alltag vor sich hin, und nehmen ihre verschiedenen Rollen und Masken gar nicht bewusst wahr.

Die Menschen identifizieren sich oft mit den Masken.

Für einen Hochsensiblen Menschen, der deutlich mehr von anderen wahrnimmt, als diese ihm bewusst zu zeigen meinen, kann das maßlos irritierend sein. Wenn jemand sich selbst einredet, er mache seinen Job sehr gerne, ist für sensible Mitmenschen oft diese Diskrepanz deutlich erkennbar. Kommen dann noch Aussagen dazu, wie „eigentlich ist das mein Traumjob“, schrillen bei mir und vielen anderen die Alarmglocken. Es ist schwer, zuzuschauen, wie jemand sich selbst belügt um eine eigentlich unerträgliche Situation nicht ändern zu müssen.

Dann ist es Hochsensiblen fast unmöglich, neutral mit diesem Menschen zu sprechen.

Ich verspüre den Impuls, ihm ins Gesicht zu schreien: „Aber das stimmt doch gar nicht! Du bist doch kreuzunglücklich hier, warum tust du dir das denn nur an?!“ Das ist in der Regel keine gute Idee. :-) Es gibt unendlich viele Gründe, an einer Maske festzuhalten, und ich kenne seine Gründe nicht!
Entweder ist es eine beiläufige Begegnung mit einem Fremden, dann geht mich die Situation nichts an. Oder es ist ein mir nahestehender Mensch, dann muss ich abwägen, ob ich diplomatisch vorgehen und mit ihm sprechen könnte, oder ob es auch hier einfach nicht meine Sache ist.

Manchmal ist das Gespräch dem Betroffenen willkommen und wird gut.

In meiner Arbeit als psychosozialer Coach habe ich vom Klienten ja den Auftrag, ihm seine Ziele erreichen zu helfen. Dort kann ein Spiegeln,  ein Hinweis auf diese Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gelebtem, einen wunderbaren Prozess in Gang setzen, und ist daher meistens willkommen.
Aber im Privatleben ist das manchmal schwer. Im besten Fall ist es eine Freundschaft, in der man sich ehrlich spiegelt, und eben auch mal sagen kann: „ Hey, ich spüre: hier in dem Bereich belügst du dich selbst.“ Und dann sollte man bereit sein, sich die Nacht mit einem unter Umständen lebensverändernden Gespräch um die Ohren zu schlagen. Denn wer sich darauf einlässt, die Maske sinken zu lassen, der ist verletzlich und wund, und das sollte ein Freund auffangen.

Manchmal ist ein Gespräch aber auch unangebracht oder unmöglich.

Da ist zum Beispiel ein Fremder, dem man auf Reisen begegnet, den man spürt, dessen Inkongruenzen einem förmlich ins Gesicht springen. Man spürt eventuell sogar die Bereitschaft zum Gespräch, aber die Situation lässt es nicht zu. Man reist nicht in dieselbe Richtung. Dann kann man entweder einen vorsichtig formulierten Satz anbringen, der einen Denkprozess anstoßen kann, ohne den anderen gleich in den Grundfesten zu erschüttern. Mit viel Fingerspitzengefühl. Oder dazu reicht der Kontakt nicht. Es ist einfach eine Begegnung mit einem nicht authentischen Menschen, dessen Geschichte und Hintergründe wir nicht kennen.

Dann muss man es schweigend aushalten. Und loslassen.

Wer sich mit Hochsensibilität und Hochsensitivität beschäftigt, dem begegnet sehr bald das Thema der Abgrenzung. Eine überlebensnotwendige Fähigkeit, die jeder hochsensible Mensch dringend erlernen muss. Auch hier geht es darum: das Abgrenzen der eigenen Bedürfnisse von denen des anderen! Sich die eigene Unwissenheit bezüglich der Gründe bewusst zu machen. Wenn es mir ein Bedürfnis ist, mit jemandem über seine Probleme zu sprechen, so ist es noch lange nicht automatisch auch ihm ein Bedürfnis! Achtsam mit den Signalen umzugehen, die man vom Gegenüber auffängt – mit dieser Strategie tut man sich und dem anderen den größten Gefallen.

Auch wenn es manches Mal schwer fällt.

Ich wünsche Dir mindestens einen Menschen, der Deine Wahrnehmung und Dein Dilemma erkennt und versteht. Wenn Du keinen solchen Menschen in deinem Leben hast, dann suche den Kontakt, zum Beispiel in entsprechenden Online-Foren oder bei HB & HSP Stammtischen oder auch hier in den Kommentaren – es tut unendlich gut, sich auszutauschen! Sei gut zu Dir.

Herzlichst, wo immer Du bist,

Johanna Ringe

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2 Kommentare zu “Siehst Du hinter die Masken der Menschen?

  1. Liebe Johanna, ich bin heute über deinen Post im fb-Forum „glücklich introvertiert“ gestolpert und dann auf diesen Blog-Artikel gestoßen. Da ich selten an Zufälle glaube, wird es wohl ein weiterer Hinweis zur Lösung des Themas sein, dass mich gerade umtreibt. Zum einen, danke für diese wohltuenden Worte, zum anderen bin ich wieder einmal ins Nachdenken gekommen. Mir fällt es im Normalfall nicht schwer Menschen und Situationen so zu lassen wie sie sind, ich wäge oft ab ob ich etwas anspreche oder nicht, was ich meist von meinem Gespühr abhängig mache. Dennoch bin ich sehr oft, sehr hart auf den Asphalt gefallen, weil ich – trotz meines introvertierten Wesens – ein sehr offener und direkter Mensch sein kann und das macht natürlich vorsichtig, auch wenn ich häufig den richtigen Riecher habe. Zwar halte ich meine derzeitige Strategie – mich zurückzunehmen und aus allem herauszuziehen – für effektiv im Bezug auf Andere, aber ich merke wie ich innerlich fast explodiere und kann diese Energien nur durch harten Sport zügeln. Vollends verwirrt hat mich eine gute Freundin, die mir sagte, dass alles was ich fühle nur mit mir zu tun hat, Einbildung ist – Spiegelgesetz – und gar nichts mit den Personen, bei denen ich meine Dinge zu erspüren zu tun hat. Das ist genau der Kern des Themas: wie kann ich zwischen Projektion und tatsächlichem Erkennen unterscheiden? Ich finde meine Mitte seit diesem Gespräch nicht mehr. Es grüßt dich herzlich, J.

    • Liebes J.
      Als generelle Empfehlung schaue bitte auf die Literaturliste, es gibt einige gute Bücher die dir sicher helfen könnten. Gerne kannst Du mich persönlich per Mail kontaktieren, denn hier möchte ich lieber ins Gespräch kommen. Das sprengt den Rahmen der Kommentarfunktion ein bisschen… ;-)

      Herzlichst,Johanna

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