Das Bunte Leben

Feuchter Urlaub im Zeitfluss

Mein Hund Luna (c) Johanna Ringe

Es ist einfach überall…der Regen rauscht in Strömen, das Meer brandet gegen die Steilküste und rollt über den Strand, die Spülmaschine gluckst und die Dusche plätschert im Hintergrund… Wasser, Wasser, Wasser…

Ein sehr wässriger Urlaub ist noch lange kein ins Wasser gefallener Urlaub, nein. Man mag ja anfangs noch Elan gehabt haben, und viele Pläne… aber nach einigen Tagen der steten Berieselung weicht diese Haltung auf, man wird nachgiebiger und haltloser zugleich.

Man begibt sich in die Strömung hinein und lässt sich tragen.

Der Fluss der Tage nimmt einen mit, von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Schlaf zu Nickerchen… man merkt, wie selbst die verspanntesten Knoten im Rücken und in der Seele unwichtig werden. Langsam, gluckernd und plätschernd, kommt alles in Fluss.
Weder das Wort „Verzögern“ noch das Unwort „Entschleunigen“ bringt zum Ausdruck, was im besten aller Urlaube geschieht. Es geht nicht um das Dehnen der Zeit, oder sonstige Manipulationen – es geht darum, die Zeit einfach fliessen zu lassen, und sich frei von Zeitdruck zu erleben.

Wir leben in der Zeit und mit der Zeit.

Aber wir können sie nicht anhalten, und nicht stauen und nicht beschleunigen… nur unsere zeitliche Wahrnehmung verändert sich mit unserer inneren Haltung. Sind wir angespannt und voller Erwartung, dann scheint die Zeit sich zu dehnen und zu ziehen wie Gummi. Sind wir entspannt, präsent, voller Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, dann scheint die Zeit stillzustehen oder zu fliegen. Je mehr Aufmerksamkeit wir dem Verstreichen der Zeit entgegenbringen, umso langsamer scheint sie dahinzufliessen. Je konzentrierter wir bei einer beliebigen anderen Sache sind, ganz im Flow, desto unwichtiger wird die Zeit, und erst wenn wir aus diesem Zustand wieder herausfallen wird uns bewusst, wieviel Zeit verstrichen ist. Das kann uns dann mal zu viel oder zu wenig erscheinen. Die Zeit selbst lässt sich von unseren Gefühlen aber nicht beeinflussen… unbeeindruckt verstreicht sie.

Wir tun ja nichts mit der Zeit selbst, sondern wir tun etwas mit uns.

Mit unseren Gefühlen und unserem Zeitempfinden. Und das ist bei jedem anders. Wie unsinnig sind daher Begriffe wie „Zeit sparen“ oder „Zeit vertrödeln“, wenn man sie verallgemeinert. Der eine meint Zeit zu sparen, indem er auf den letzten Kilometern vor dem Ziel nochmal so richtig schnell fährt, die andere, wenn sie im Wartezimmer strickt. Beide empfinden es als „Zeit sparen“, meinen aber Unterschiedliches. Der eine empfindet Menschen zu beobachten als vertane Zeit, die andere Zeitung lesen oder Shopping. Alles Geschmacksache, oder eine Charakterfrage.

Im besten Fall spielt Zeit keine Rolle mehr.

Dann ist man müde, wenn man müde ist, und schläft. Oder es gibt etwas zu tun, und man tut es, bis es getan ist. Wenn es Zeit zu feiern ist, feiert man, und wenn es Erntezeit ist, wird geerntet. Wer einen Hund hat oder kennt, der kann vielleicht nachvollziehen, wenn ich meine Hündin hierbei als Vorbild sehe: sie liegt da, aufmerksam. Dann sieht sie, dass wir essen, und entspannt sich, fällt auf die Seite und schläft sofort ein. Sind wir fertig, steht Luna sofort hellwach auf, und ist bereit für einen Strandspaziergang. Kommen wir zurück ins Haus, und duschen, trinkt sie, und legt sich hin, und schläft.  Sie nimmt den Tag (gezwungenermaßen, das ist mir schon klar) wie er kommt, und macht das Beste daraus. Aus jeder Minute.  Wenn die Minute ein Leckerli oder eine Streicheleinheit enthält, prima. Wenn sie Möwenjagd oder ein Nickerchen bringt, auch toll. Luna hat ein einfaches Rezept für den Umgang mit der Zeit:

Man lässt sich vom Zeitfluss tragen.

Jetzt und hier, im Urlaub, komme ich diesem Zeitgefühl ein bisschen näher. Danke dafür, Regentage.

Herzlichst, wo immer Du bist,

Johanna Ringe

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