Scanner: Bücher, Instrumente, Farben, Stifte, Dinge... (c) Johanna Ringe www.dein-buntes-leben.de

Was sind Vielbegabte oder Scanner?

Den Terminus „Hochbegabte“ kennen inzwischen die meisten Menschen, wenn sie auch sehr unterschiedliche Konzepte damit verbinden mögen. Was verbirgt sich aber hinter dem Begriff „Vielbegabte“, der in ähnlichen Zusammenhängen vorkommt? (Andere Bezeichnungen: Scanner, Scannerpersönlichkeit oder Renaissance-Seele) Es ist an sich einfach:

Vielbegabte sind in vielen Bereichen begabt

Während man den monothematisch genialen Menschen unbedingt als hochbegabt bezeichnen kann, als Beispiel möchte ich hier endlich einmal den Physiker Sheldon Cooper aus der Serie „The Big Bang Theory“ anführen, gibt es auch unter den Hochbegabten Fälle, die nicht auf ein Thema eingeschränkt sind.
Einen Begabten, der sich einem einzelnen Thema mit Inbrunst widmet, sein Leben einer einzigen Sache widmet, kann man wie einen Taucher sehen, der immer tiefer in die Materie eindringt und immer spezifischere Informationen zusammenstellt. Ein wahrer Experte.
Nun gibt es aber bei den Hochbegabten noch eine Untergruppe, die ihre Gaben nicht auf einen Lebens- oder Forschungsbereich limitieren kann und will. Diese Menschen sind in der Schule oft ohne Lernaufwand in (fast) allen Fächern auf sehr gutem Niveau, und interessieren sich als Erwachsene für so viele verschiedene Themen, dass es ihnen auch schwer fällt, sich beruflich auf einen Bereich festzulegen.

Nach Barbara Sher* nennen wir sie hochbegabte „Scanner“

Alle Scanner steigen in jedes Thema bis zu ihrem persönlichen Befriedigungspunkt ein, und wechseln dann zum nächsten Thema. Das wirkt auf Außenstehende oft, als hätten diese Menschen kein Durchhaltevermögen, würden „nie“ etwas zu Ende bringen – kurz: unstet wie ein Schmetterling, ohne die „Ernsthaftigkeit eines vernünftigen Menschen“. Man kann sich vorstellen, wie sehr diese Menschen in ihrer Jugend unter dieser Einschätzung zu leiden hatten, und wie schwierig es sein kann, diesen Charakterzug bei sich selbst zu akzeptieren. Vielbegabung passt einfach nicht zum Bild vom erwachsenen Berufstätigen, der in seinem Metier sehr gut ist, vielleicht noch ein Hobby hat, oder zwei, aber doch eher festgelegt ist auf einen Bereich. Wie unangenehm, wenn ein Molekularbiologe heute auch gerne Socken strickt, sich für die Entwicklung der Agrarpolitik und die Kralbauten interessiert, und auch Bergwandern und vieles andere interessant findet. Nach einigen Monaten kann es durchaus sein, dass derselbe Mensch Zeichnen lernt, seine Seife selbst herstellt und sich mit der Zucht von Zebrafinken befasst, während Stricken, Agrarpolitik und Bergwandern „durch“ sind.  Mit etwas Glück ist er in seinem Beruf immer noch zufrieden, weil er dort genug Varianz hat, um sich nicht zu langweilen.

Vielbegabte sehen ihr „Scannen“ oft als Entscheidungsunfähigkeit an

Zwischen einer Unfähigkeit, sich für ein Thema zu entscheiden, und der Begeisterung für viele verschiedene Themen besteht aber ein großer Unterschied. Meist gelingt es dem hochbegabten Scanner in relativ kurzer Zeit ein Fachmann in einem Bereich zu werden, überdurchschnittlich gut. Ob er eine Sache, nehmen wir wieder das Beispiel „Sockenstricken“, nur interessant findet, bis er sie verstanden hat, oder bis er ein ihn selbst zufriedenstellendes Ergebnis vorzuweisen hat, das ist dabei individuell verschieden. (Und natürlich gibt es auch hier mehr oder weniger starke Begabungen, das gesamte Spektrum beinhaltet eben eine Teilmenge: die Scanner.)
Jeder Mensch hat eigene Beweggründe, und es lohnt sich, gerade für Vielbegabte, den eigenen persönlichen herauszufinden. Dann versteht man eben besser, ob man nur in der Theorie die perfekte Socke stricken können muss, oder wirklich ein perfektes Exemplar mit eigenen Händen herstellen. (Analog gilt gleiches natürlich für Modellbau,  Bogenbau, Töpfern, Astronomie, Sonette schreiben, Hundezüchten, Kulturanthropologie oder Kernphysik……)

Serielles Expertentum ist für hochbegabte Scanner der Normalzustand

Dass diese Menschen so anders sind als die Mehrheit macht sie angreifbar. Als Kind unter Kindern werden hochbegabte Scanner als Streber beschimpft, und von der Familie ermahnt, „mal bei einer Sache zu bleiben“. Ihre Leistungen werden manchmal gar nicht erst als ihre eigenen angesehen: „Diesen Aufsatz hat doch deine Mutter geschrieben, gib es zu!“ beziehungsweise daheim „Das Bild hat doch dein Lehrer gemalt, gib es zu!“. Ihre Fähigkeiten sind anderen geradezu unheimlich.
Als junge Erwachsene sollen sie sich „endlich mal entscheiden“, womit sie die Zeit bis zur Rente verbringen wollen… ein Alptraum für jeden Scanner! Sich festzulegen, bei einer einzelnen Sache bleiben zu müssen, trotz der Langeweile, die sich zwangsläufig einstellt, das ist keine Herausforderung an die Selbstdisziplin, sondern wie lebendig begraben zu werden.
Jeder Mensch sollte sich für seine Berufswahl Zeit nehmen, und sich selbst gut kennenlernen, bevor er sich für etwas entscheidet. Für vielbegabte Scanner ist vor allem Letzteres wichtig! Denn wenn ich beispielsweise erkenne, dass ich mich schon seit Jahren für Photographie interessiere, und dabei mein Fokus nur zwischen Natur, Architektur und Porträts gewechselt hat, dann ist Photograph eine Option. Eine, die genug Varianten beinhaltet, um mich auch langfristig zu begeistern. Keine Sorge:

Es gibt Berufe, die zu Scannern passen

Wesentlich ist hierbei, dass der Vielbegabte sein Trigger-thema und seine Triebfeder erkennt, den Punkt erkennt, bis zu dem er sich in ein neues Thema stürzt, und ab dem es ihn nur noch langweilt. Beispielsweise erkennt man bei sich ein intensives Interesse an menschlicher Entwicklung (als Trigger-Thema) und weiß, dass man seine Neugier befriedigen muss, ohne unbedingt auch mit eigenen Händen etwas zu erschaffen. Vielleicht ist es also ein Beruf, bei dem man eben immer wieder mit anderen Menschen zu tun hat, weil man nichts spannender findet als Menschen: Psychologe, Coach, Pädagoge…oder man wird Projektleiter in einem Bereich, wo jedes neue Projekt sich vom letzten in ausreichendem Maß unterscheidet. Voraussetzung für eine gelungene Berufswahl ist vor allem Selbsterkenntnis.
Sein Trigger-Thema und seine Triebfeder kann selbst ein junger Mensch schon anhand seiner bisherigen Erfahrungen herausfinden. Mit diesem Wissen, und einer furchtlosen Offenheit kann jeder sein Berufsleben so einrichten, dass es ihn befriedigt. Das kann ja auch heißen, einen „Brot-Job“ zu machen, mit dem man all die interessanten Hobbies finanzieren kann, die man im Laufe der Jahre hat. Es ist unsinnig zu glauben, man könnte all seine geistigen Bedürfnisse allein im Job befriedigen.
Eines der Hauptmerkmale der vielbegabten Scanner ist die Neugier, die Gier nach Neuem. Gepaart mit ihrer schnellen Auffassungsgabe sind sie auch befähigt, in jedem Lebensalter noch einen anderen Beruf zu ergreifen.  Dazu müssen sie sich von den alten Glaubenssätzen wie „Du musst dich doch mal entscheiden!“ befreien, und erkennen wonach sie wirklich suchen, und was sie wirklich davon abhält es zu finden:

Scanner müssen sich selbst erlauben, ein spannendes Leben zu führen

Auch für Vielbegabte gilt: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wenn man dazu noch hochbegabt ist, so dass man schnell in ein neues Thema einsteigen kann, dann darf man auch gerne ein bisschen experimentieren. Man muss vor allem verstehen, dass man anders funktioniert als die meisten anderen. Hier findest Du ein paar Fragen als Selbsttest. Viel Spaß dabei!

Herzlichst, wo immer du bist,

Johanna Ringe
* Barbara Sher hat ein wunderbares Buch für und über Scanner geschrieben: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“, dtv. 2008

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Geteilte Freude ist doppelte Freude:

5 Gedanken zu „Was sind Vielbegabte oder Scanner?

  1. Liebe Johanna,
    ich lese diesen Beitrag immer mal wieder als Gedächtnisstütze. Ich finde mich in dem was du schreibst sehr gut wieder. Zu erkennen, dass ich mir noch nicht wirklich erlaube, ein spannendes Leben zu führen, macht mich betroffen – und es hilft mir.
    Ich mag deine frische und wertschätzende Art zu schreiben sehr gern.
    Vielen Dank für deinen Blogg!

    1. Tak for Tak, also Danke für den Dank, Stephanie!

      Solche Rückmeldungen freuen mein Herz und motivieren mich auch an „faulen Tagen“ weiter zu bloggen… Danke dafür!

      Ganz herzliche Grüße, Johanna

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